Die Taschendiebin

Kein Thema unangesprochen, kein Tabu ausgelassen und kein Blick zurückgeworfen: Die Taschendiebin zelebriert sich gleichermaßen leidenschaftlich wie sorglos.

Korea in den 1930er Jahren lebte unter japanischer Herrschaft, wobei sich das japanische Völkchen feiern ließ, während die Koreaner danach strebten selbst als JapanerInnen durchzugehen. Aber solch eine Umstellung ist eben nur was für reiche Leute, die es sich leisten können einen fancy japanischen Namen anzunehmen und sich so noch mehr Respekt zu erkämpfen. Sookee (Kim Tae-ri) ist weder reich, noch wird ihr viel Respekt entgegengebracht.

Wobei man sagen kann, dass zumindest an ihre Fähigkeiten als Taschendiebin und Betrügerin geglaubt wird, schließlich würde sonst Fujiwara (Ha Jung-woo) – selbst ein Ganove – nicht genau sie auf das Fräulein Hideko (Kim Min-hee) ansetzen. Sookee soll als Hidekos neue Kammerzofe dafür sorgen, dass die betuchte Frau, Fujiwara (aka Fake-Graf Fujiwara) verfällt und mit ihm vom Hof ihres Onkels Kouzuki (Cho Jin-woong) flüchtet. Dabei hegt Fujiwara sehr tiefe Gefühle für Hidekos Geld. Er möchte es sich unter den Nagel reißen indem er Hideko nach kurzer Ehe ins Irrenhaus steckt.

BetrügerInnen am Werk.

Film Podcast Österreich - Die Taschendiebin
(c) Filmladen

So, jetzt könnte man glauben, ich hätte hier schon das Layout des ganzen Filmes ausgebreitet – so asiatische Gangster-Komödie mit ein bisschen Drama, weil schon gemein, wie die arme Hideko ausgetrickst wird. Falsch gedacht! Die Taschendiebin ist wie die ideale Fundgrube bei Ikea, wo du wirklich alles findest, von dem du vorher nicht geglaubt hast, dass du es brauchst. Ok, also wenn du Sex in Filmen magst. Dann aber auf jeden Fall. Und wenn du nichts dagegen hast, dass dich ein Film relativ oft übers Ohr haut, nur damit dich die Twists voll drankriegen.

Die Taschendiebin ist ein twisty, twisty Movie, das muss man schon sagen. Wer gern ein bisschen mehr darüber erfahren möchte, warum ich den Film toll finde, der kann sich noch ins Spoiler-Territorium begeben, das nach dem folgenden Bild beginnen wird. Aber eigentlich fast empfehlen, sich den restlichen Artikel nur durchzulesen, wenn man den Streifen gesehen. Lasst den Überraschungseffekt im Kino auf eure fast leeren Köpfe wirken!

Nach diesem Bild: Spoiler-Gefahr!

Film Podcast Österreich - Die Taschendiebin
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Regisseur Park Chan-Wook schaut aus wie ein lieber Nachbar, der einem die Tür aufhält, wenn man zu viele Sackerl im Arm hat. Oder wie ein netter Zahnarzt, der einen dafür lobt, dass man echt gründlich Zähne putzt. Und dann macht er aber Filme wie Oldboy oder Lady Vengeance, die mit Nettigkeit recht wenig am Hut haben. Die sind extrem brutal -psychisch wie physisch- und gleichzeitig so wunderschön inszeniert, dass man nicht wegschauen kann. Auch für außergewöhnliche Geschichten hat er ein Talent: In I’m A Cyborg, But That’s Ok glaubt ein Mädchen, sie sei ein Cyborg und wird daraufhin in eine Irrenanstalt eingewiesen, bis ein Anti-Held sie rettet.

Die Taschendiebin lebt von der Absurdität der Story und nicht so von den brutalen Szenerien – wobei, die natürlich auch einen Platz finden mussten. Weil ohne Quälerei geht es nicht. In diesem Film werden Personen aber auf mannigfaltige Arten und Weisen gequält: Sie belügen einander non-stop, sie demütigen einander, sie zwingen einander zu allerhand widerlichem Zeug und sorgen so dafür, dass die mentale Gesundheit aller Beteiligter auf Sparflamme rennt. Besonders böse Objekte sind dabei der Fake-Graf Fujiwara, der echt eine Money Whore ohne Gewissen ist, und natürlich Onkel Kouzuki, der in seinem Wahn nach erotischer, japanischer Literatur die eigene Nichte ihr Leben lang emotional missbraucht.

Und wer den Film noch nicht gesehen hat, sich gegen meine Empfehlung diesen Artikel reinzieht und denkt: “Wäh, was ist das für ein Scheiß?!” dem kann ich nur sagen: Ich hab dich vorgewarnt, dich nicht weiter darüber zu informieren! Denn wenn du den Film siehst, von seiner Ausstrahlung in den Bann gezogen wirst, dann akzeptierst du so ziemlich alles, was passiert. Du akzeptierst, dass Hideko vor einem Publikum aus luschigen Typen, die ihren Ständer nicht schnell genug verbergen können, verstaubte Sex-Stories zum Besten gibt und manche der Szenerien mit einer Holzpuppe nachstellt.

Viel Erotik für einen Non-Porno.

Film Podcast Österreich - Die Taschendiebin
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Du akzeptierst auch, dass ein und dieselbe Geschichte auf drei verschiedene Arten erzählt wird um dir zu zeigen, dass du nicht genau genug aufgepasst hast. Und du akzeptierst, dass Hideko und Sookee einander verfallen und deswegen minutenlange Sexszenen auf der Speisekarte stehen (Blau ist eine warme Farbe lässt grüßen!). Obwohl, letzteres akzeptierst du nicht nur, sondern du willst es so sehr, du willst, dass die zwei Frauen zusammenkommen und verdammt nochmal endlich glücklich werden. Vielleicht wünschst du dir auch ein bisschen die erotischen Szenen her, weil Park Chan-Wook echt ein Meister der Inszenierung ist. Als Hideko in der Badewanne sitzt und sich von Sookee den Zahn abschaben lässt (ist weniger eklig als es klingt), ist eine erstklassig, voyeuristische Einstellung, die auch Erika Lust nicht besser hätte anordnen können.

Und obwohl ich den Film wirklich als spannend und aufregend empfunden habe und wirklich eine unglaublich gute Zeit im Kino hatte, kann ich sowas von verstehen, dass man etwas gegen Die Taschendiebin haben kann. Es kommt schon viel Sex vor und vor allem auch in langen Einstellungen, die man hätte kürzen können. Apropos kürzen: Der Film dauert 145 Minuten, was in mir nur “Yes, je länger ein asiatischer Film, desto besser” auslöst, aber in allen anderen Nicht-Nerds eher Widerwillen weckt. Ja, es stimmt, man hätte noch viel Material weglassen können. Und ich hab auch ein bisschen gelogen, was das mit dem Akzeptieren angeht, denn viele Leute können sicher nicht akzeptieren, dass ihnen ein Film Sachverhalte verschweigt, nur um dann (pseudo-)überraschend zu sein.

Für Realisten und Personen, die das Drehbuch klar hinter einem Film sehen, ist so etwas einfach ein No-Go, was sie schnurstracks aus dem Film katapultieren kann. Aber ich kann garantieren: Wenn du jemand wie ich bist, der gern vergisst, dass Assi-Reality-Shows im TV gescriptet sind und mit leidenschaftlicher Naivität in einen Film eintauchst, wird dich das nicht sehr stören. Die Taschendiebin ist kein leichtes Häppchen; es ist ein Film der dir auf den Fuß steigt, der dir eine kleine Watschn gibt und ruft: “Hallo, hier bin ich!!”. Er will deine volle, ungeteilte Aufmerksamkeit und er hat sie absolut verdient.

 

Fazit (Anne):

Film: Die Taschendiebin
(The Handmaiden)

Rating:

Sehr Gut (4 von 5)

Die Taschendiebin ist ein Film mit gespaltener Persönlichkeit, aber die verschiedenen Seiten verstehen sich extrem gut. Viel Sex, viele Twists und der typisch asiatische Charme machen dies zu einem Kino-Genuss!

Anne-Marie Darok Verfasst von:

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