Vom Helden zur Witzfigur

Thor Ragnarok als Endstation von Marvels Drehbuchkonventionen. Wie schafft es Marvel einen Film ohne jegliche Dramaturgie zu machen? 

Mit Thor Ragnarok scheint Marvel den nächsten Schritt in der Dekonstruktion von Drehbüchern zu machen. Denn wo sich über die Jahre schon ein Konflikt zwischen Aussage und Handlung aufgetan hat, steckt der dritte Thor-Film kaum mehr Arbeit in erzählerische Konzepte.

Dieser Essay wurde geschrieben, da das Marvel-Universum mittlerweile eine gewisse Eigendynamik gewonnen hat und es vollkommen egal zu sein scheint, was sich auf der Leinwand abspielt, solange es nur laut und “lustig” genug ist. Da aus diesen Gründen eine Review wenig zur Diskussion beitragen wird, habe ich mir einen Aspekt gesucht, der mich schon seit Jahren an Marvels Filmen stört: die Unvereinbarkeit von Handlung und Aktionen. Und weil Thor seit seinem Filmstart so unterschiedlich interpretiert wurde, obwohl es sich hier um die gleiche Figur handeln soll, eignet er sich für eine gute Studie:

Phase 1 – Harte Arbeit: Thor

Thor 2011 | Flip the Truck | Der österreichische Film Podcast
Thor © Marvel, 2011

Mit Iron Man kam 2008 frischer Wind in die angestaubten Superhelden-Filme. Wo Adaptionen von Raimi (Spider-Man), Singer (X-Men) oder Nolan (Batman Begins) sich relativ ernst nahmen, kam mit Tony Stark ein ironischer Protagonist ins Kino und wir bejubelten diesen neuen Spin. Bis heute ist Iron Man in meinen Augen der weitaus beste Film, den das Marvel-Universum hervorgebracht hat. Oberflächlich lag das wohl am Witz, was auch der Grund war, warum Marvel in den nächsten Filmen in den Humor-Overdrive ging. Bei genauerem Hinschauen hätte man sich denken können, dass es an mehr lag und Jon Favreau ein wunderschöner Mix aus Humor und Drama gelungen ist. Denn so oft Tony Stark sich ironisch über seine Umstände beschwerte, machte er legitime Fehler und hatte Gefühlsausbrüche.

Auch Regisseur Kenneth Brannagh durfte im ersten Thor auf den Pathos drücken und inszenierte den Donnergott als episches Shakespeare-Drama. Eine gute Dosis Humor wurde aus der Tatsache gezogen, dass Thor ein Fremder in einem fremden Land war, doch wie auch Tony Stark hatte Thor seine Makel (Arroganz und Kurzsichtigkeit) und musste auf eine Reise gehen. Seiner Macht beraubt, kämpfte er als sterblicher auf der Erde und konnte nicht mehr alles mit seinem Hammer zerschmettern. Wichtig für das Drama und den Erfolg des Helden ist natürlich auch das Straucheln und so scheiterte Thor oftmals an seinen Gegnern.

Erst als der Held eine innere Reise ablegte, wurde er belohnt und durfte wieder draufhauen – die klassische Heldenreise. Die Marvel-Formel stand solide wie ein großes Zelt in der Blockbuster Landschaft, in das man gerne eintrat.

Phase 2 – Hilarity ensues:  Thor: The Dark Kingdom

Thor: The Dark World | Flip the Truck Filmpodcast
Thor: The Dark Kingdom (engl.: The Dark World) – © Marvel / Disney 2013

Je erfolgreicher das Marvel-Universum wurde, umso zwanghafter mussten links und rechts Witze gemacht werden. Dies führte zu Zombie-Filmen wie etwa Iron Man 2 und Iron Man 3, bei denen man richtig spüren kann, wie individuelle Regisseure (Favreau und Black) gegen den Marvel-Moloch ankämpften und letzten Endes resignierten. Gleichzeitig lief die Marvel-Maschinerie auf Hochtouren und etablierte eine funktionierende Formel, die man wie eine Schablone über sämtliche Filme werfen konnte. Und vorgegebene Witze führen unweigerlich zu einem Konflikt zwischen Aussage und Produkt. Nirgendwo fällt dieser Widerspruch stärker auf als in James Gunns Guardians of the Galaxy. Hier müssen die Witze fliegen wie die Raumschiffe und Monster.

Und für Humor muss Platz sein, auch wenn es nicht zum Charakter der Figuren passt. So muss das Baum-Alien Groot mit einem coolen Angriff mehrere Soldaten töten und in die Kamera grinsen. Überraschende und überproportionale Gewalt mag vielleicht für eine gewisse Zielgruppe lustig sein, schlägt sich aber komplett mit dem Bild von Groot, der als sympathische, lebensbejahende Figur inszeniert wird.

Gleichzeitig geniert sich Guardians of the Galaxy schon ein bisschen für die plumpe Geschichte. Anstatt eine neue, frische Interpretation für “Wir müssen die Welt retten” zu finden, begnügt man sich mit “Ja, wir retten die Welt eh… aber es interessiert uns nur so halb.”

Auch Thor: The Dark Kingdom (engl.: The Dark World) wurde merklich an diese Schablone angepasst. Die Handlung des Vorgängers wurde noch fortgeführt, wie das für eine Fortsetzung notwendig ist, aber man konnte schon sehen, wie nicht einmal das Drehbuch an die Geschichte glaubte. So wurde Thors Liebe Jane (Natalie Portman) wieder auf die Bühne gezerrt, aber niemand fand es wirklich der Rede Wert, der Romanze eine Existenzberechtigung zu geben. So hatte Thor: The Dark Kingdom eine banale Handlung, die man mit möglichst viel Witz kaschieren wollte.

Doch zumindest war hier noch ein dramaturgischer Faden erkennbar, auch wenn er sich nicht 100%ig mit den Figuren am Bildschirm deckt.

Man sieht hier das Marvel-Zelt, dem einige Streben fehlen, die Plane ist schon ziemlich zerrissen und man sollte sich langsam überlegen, ob man nicht doch die Löcher nähen sollte. Stattdessen beschließt man, einfach ein paar Kübel hinzustellen, um das Regenwasser aufzufangen, das hereintropft.

Das ist vielleicht etwas nervig… aber der Kübel ist bunt!

Phase 3 – Clipshows: Thor Ragnarok

Thor Ragnarok | Flip the Truck | Der österreichische Film-Podcast
Thor Ragnarok, © Marvel Studios Disney

Mit Thor Ragnarok haben wir nun die ironische Metamorphose abgeschlossen. Was als Heldengeschichte begann, wurde zu einem Produkt mit widersprüchlicher Aussage und ist nun eine reine Clipshow. Es ist ehrlich gesagt schockierend, wie wenig grundlegende Werkzeuge des Erzählens in Thor Ragnarok verwendet werden. Wo vorher dramaturgische Integrität für einen lustigen Shot von Thor in der U-Bahn (Thor: The Dark Kingdom) geopfert wurde, gibt es nun nichts mehr zu opfern.

Anstelle eines dramatischen Skeletts, gibt es nur mehr Lippenbekenntnisse zu möglichen Themen. So verliert etwa Thor seinen Hammer und erkennt natürlich, dass die Kraft des Hammers immer in seinem Herzen war. Eine unsagbar oft aufgewärmte Geschichte: Der Held erkennt, dass er nicht an materiellen Gütern festhalten, sondern an sein inneres Selbst glauben soll.

Wie schon vorhin erwähnt, hat auch Thor die gleiche Aussage, doch hier kommt nun der Unterschied zu Tragen: mit Ausnahme von 2-3 Sätzen zum Konflikt des Helden und dem Verlust des Hammers hat dies keine Auswirkungen auf die Figur. Thor ist nicht schwach, er besiegt  Hulk fast ohne Hammer. Auch bietet ihm sich keine Aufgabe, an der er als Figur scheitert. Erst als die große Actionszene beginnt, muss der Hammer-Konflikt wieder kurz angesprochen werden. Dieser wird so rasch als möglich gelöst, doch es fehlt der Aufbau zu dieser Lösung. In keinem Moment wächst Thor als Figur und verdient sich somit diese Erkenntnis.

Genau das ist eine Zwickmühle, denn genau diese Momente braucht das Publikum, um mit dem Helden mitzufiebern und das Produkt Film von einer Clipshow zu unterscheiden. Somit muss Marvel sich in dieses Gebiet wagen, will aber eindeutig keine Zeit dort verbringen. Die Charakter-Momente sind minimalst inszeniert und werden meist durch Witze schnell abgeflacht.

Und es ist auch ganz klar warum Marvel sich nicht um diese Szenen bemüht: es sind ernste Momente und man kann keine Witze über sie machen. Sie funktionieren nur, wenn die Kamera nicht dem Publikum zuzwinkert und wenn sie nicht überzeugen, macht sich das Publikum darüber lustig. Warum also das Risiko eingehen und blöd dastehen? Wo Spider-Man: Homecoming noch eine standardisierte, aber solide Geschichte erzählte, gibt es davon nichts in Thor: Ragnarok. Die Figuren springen von Szene zu Szene, die keine emotionale Relevanz haben. Erst als der Film beschließt, ins Finale zu gehen flipp-floppen alle Protagonisten von “Am Boden zerstört” zu “Heldenmodus”.

Marvel hat es einfach perfektioniert. Das Zelt besteht schon längst nur mehr als den Metallstreben, um uns daran zu erinnern, was die Funktion sein sollte, aber mehr ist nicht mehr hier. Natürlich hängen an jeder Stange lustige Lampions und anstatt von grauem Stahl sind die Stangen in buntes Neon getaucht. Und es funktioniert offensichtlich.

Das Zelt war noch nie so gut besucht und man kann sich nur wundern, wie man mit so wenig Struktur davonkommen kann… aber vielleicht hat es einfach schon lange nicht mehr geregnet.

 

P.S.: Damit wir auch offiziell ein Rating zu Thor Ragnarok liefern:

Thor Ragnarok Fazit

Fazit (Wolfgang):

Film: Thor Ragnarok
Rating:

User1.Wolfgang.Rating2.Lukewarm.Frei_1
Lauwarm (2 von 5)

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Wolfgang Verfasst von:

Der Host des Flipthetruck Podcasts. Mit einem Fokus auf Science Fiction und Roboter sucht er ständig jene Mainstream Filme, die sich nicht als reine Unterhaltungsfilme zufrieden geben.

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