Three Billboards Outside Ebbing, Missouri

Kleinstädtische Gewaltspirale als Kammerspiel.

How come, chief Willoughby? Vier Wörter, plakatiert auf einer von drei Werbetafeln an einer kaum befahrenen Straße, reichen aus um eine US-amerikanische Kleinstadt in seinen Grundfesten zu erschüttern. Davon geht zumindest der Ire Martin McDonagh, bekannt geworden durch die schwarzen Krimikomödien In Bruges und Seven Psychopaths, in seinem exakt betitelten neuen Film aus. Auf den Three Billboards Outside Ebbing, Missouri ist neben der Anklage an den örtlichen Polizeichef noch der Kontext herauszulesen: Raped while dying and still no arrests?

Anklägerin ist die Mutter des Opfers, Mildred Hayes (Frances McDormand), die mit der provokanten Geste eine unvorhersehbare Kettenreaktion auslöst. Denn der direkt Angeklagte Chief Willoughby (Woody Harrelson), seinerseits eigentlich die Ruhe in Person, ist unheilbar an Krebs erkrankt. Dass ausgerechnet er so öffentlich angegriffen wird, lässt nicht zuletzt beim leicht dümmlichen Polizisten Dixon (Sam Rockwell) die Emotionen hochgehen.

Logisch wie ein Schulweg

Auf dem Weg zum Werbebüro auf der anderen Seite: Sam Rockwell als Dixon in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri- © 2018 Twentieth Century Fox

Es entspinnt sich eine schwarzhumorige Spirale der Gewalt in dem kleinen Örtchen, das eigenartig von der Außenwelt abgeschnitten zu sein scheint. Einzig der Besuch eines überregionalen Fernsehsenders und der Schulweg von Mildreds Sohn Robbie (Lucas Hedges) lassen eine Außenwelt erahnen. Ebbing selbst ist hingegen so klein inszeniert, dass nicht selten das Gefühl eines Kammerspiels aufkommt. Das Polizeirevier ist direkt gegenüber des Werbebüros und wenn irgendwelche Charaktere aufeinandertreffen sollen, ist die Auswahl an öffentlichen Plätzen stets begrenzt genug, um dies geschehen zu lassen.

Wie Kleinstädte im großen Amerika in Vergessenheit geraten, ist aber nur ein Motiv dieses Filmes, der unter anderem auch noch rassistisch motivierte Polizeigewalt und Alkoholismus thematisiert. Die Stärke von Three Billboards ist aber weniger das sozialkritische Anprangern als die pure Macht eines gut geschriebenen Drehbuchs. Voll und ganz überkonstruiert, aber eben auch so unfassbar clever verzahnt, ist es einfach ein Genuss, dieser Geschichte bei ihrer Entfaltung zuzusehen. Schön ist vor allem, dass das sukzessive Fallen der Dominosteine immer wieder auch auf den vielschichtigen Charakteren beruht. Nicht zuletzt Rockwells Dixon, der vermehrt für ein Voranschreiten der Geschichte sorgt, ist tiefgründiger als zunächst angenommen. Durch und durch primitiv, erkennt er doch in Willoughby eine Vaterfigur, dessen Schicksal in weiterer Folge seine emotionale Labilität fördert.

Gerade bei einer zweiten Besichtigung scheinen alle Abläufe so wunderbar logisch zu sein. Wie früher dem immer gleichen Schulweg, bei dem ein Abschnitt wie selbstverständlich dem anderen folgen muss, baut sich diese Story hier so herrlich stringent vor dem Zuseher auf. Dass das alles noch saukomisch ist, versteht sich bei McDonagh von selbst. Der Ire, der schon bei In Bruges nicht davor zurück schreckte, Kleinwüchsige, Übergewichtige oder Rassisten mit ihren gottgegebenen oder selbst erworbenen Nachteilen zu konfrontieren, nimmt sich auch hier wieder kein Blatt vor dem Mund. In nahezu allen Szenen funktioniert das herrlich, weil die gekränkten Charaktere wehrhafte Personen aus Fleisch und Blut sind. Einzig die stumpfblöde 19jährige Penelope (Samara Weaving), die für Mildreds Ex-Mann (John Hawkes) als Frustbewältigung herhalten muss, entpuppt sich als reine Karikatur. Der Witz ist, dass sie dumm ist – das wars.

Nur durch Zufall wird es emotional

Steht stolz und doch etwas ungewiss vor ihrem großen Werk: Frances McDormand als Mildred Hayes in Three Billboards Outside Ebbing, Missouri – © 2018 Twentieth Century Fox

Als wirkliches Manko geht das aufgrund ihrer kurzen Screentime sicher nicht durch, die generell mangelnde emotionale Verarbeitung allerdings schon. Zwischen den vielen derben Lachern findet McDonagh nur selten den Weg zur echten, nachvollziehbaren Traurigkeit. Für die Dämpfer müssen leider fast immer kleine Missverständnisse oder plumpe Zufälle herhalten. Wenn Mildred bei der Begegnung mit einem Reh einen tiefgehenden Monolog hält, geht das noch als – vielleicht etwas stumpfe – Symbolik durch. Ein Flashback, in dem sie ihrer Tochter im Streit ausgerechnet eine Vergewaltigung wünscht, wirkt dann aber doch sehr aufgesetzt.

Nichtsdestotrotz überwiegen bei Three Billboards ganz deutlich die Stärken, zudem sich diese nicht nur im Drehbuch wiederfinden. Der Film ist hervorragend produziert, Kamera und Schnitt sind auf einem höheren Niveau als es bei dieser Art von Geschichte eigentlich notwendig wäre. Auch die Musik sorgt mit ihren dezenten, aber stets unaufgeregten Anspielungen an alte Westernklassiker stets für die richtige Stimmung. Und noch über all diesen Dingen stehend hat wohl kein Cast in diesem Jahr so überzeugt wie dieser. Praktisch sämtliche Schauspieler geben ihren Charakteren eine zweite Ebene. McDormand brilliert in der trockenen, von detaillierter Mimik durchzogenen Präsentation ihrer derben Sprüche ebenso wie in den emotionalen Momenten. Ihre Favoritenrolle bei den Oscars ist ebenso gerechtfertigt wie jene von Sam Rockwell, dessen Charakter ohne seinem nuancierten Spiel nur allzu leicht in karikaturistisches Terrain hätte abdriften können.

Fazit (Michael):

Film: Three Billboards Outside Ebbing, Missouri
Rating:

Sehr Gut (4 von 5)

Three Billboards Outside Ebbing, Missouri lebt von Martin McDonaghs genial konstruierten Drehbuch und einem sensationellen Cast. Einzig bei der emotionalen Komponente hatscht es ein bisschen.

Michael Verfasst von:

Autor, Editor, Public Relätions Michael ist der Arthouse Hipster des Teams, dessen Korrektheit und ruhige Art dafür sorgen, dass die Diskussionen immer fair bleiben und Beleidigungen nur zulässt, wenn sie mit Fakten belegt werden können.

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