Snowpiercer

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Der südkoreanische Regisseur Joon-ho Bong (The Host (2006), Memories of Murder) folgt dem aktuellen Trend seiner Landsleute und veröffentlicht sein englischsprachiges Debüt. Seine dystopische Comicverfilmung Snowpiercer versetzt uns in die nahe Zukunft, in der die Erde von einer Eiszeit heimgesucht wurde. Die wenigen Überlebenden leben in einem endlos fahrenden Zug, der wenig Komfort, aber genug Platz für eine Diktatur, soziale Misstände und einen Aufstand der Unterdrückten bietet.

Simple Allegorie

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Mit einem charmanten Intro-Text á la Terminator erklärt uns Bong, dass der Versuch, die Erderwärmung zu stoppen ein bisschen schief gegangen ist. Anstatt die Erde gerettet zu haben, findet sich die Menschheit nämlich mit einer Eiszeit konfrontiert, die unseren Planeten schier unbewohnbar macht. Gut also, dass das mysteriöse Universalgenie und Neo-Weltherrscher Wilford (Ed Harris) in weiser Voraussicht einen riesigen Ultra-Zug hat bauen lassen, der die paar hundert Überlebende seit nunmehr 17 Jahren im Kreis führt.

Von Harmonie ist die Kreisel-Fahrerei freilich nicht geprägt, sind die sozialen Misstände in der Wilford-Diktatur doch nur allzu offensichtlich. In einem engen Matratzenlager im hintersten Teil des Zuges ist die niedrigste Klasse platziert, die sich von ekelhaften Proteinriegeln ernähren muss. Von dort ausgehend kämpft sich Protagonist Curtis (Chris Evans) als Anführer der Rebellen Abteil für Abteil nach vorne, in der Hoffnung das Regime zu stürzen.

Die politische Allegorie von Snowpiercer ist natürlich denkbar simpel. Während sich die Armen am hinteren Ende durch den mühsamen Alltag plagen, genießt die obere Klasse an der Spitze einen extravaganten Lebensstil. Macht und Luxus sind auf wenige Schultern verteilt und der Zug fährt scheinbar unhinterfragt ohne triftigen Grund im Kreis herum. Auch, dass die Geschwindigkeit des Gefährts angesichts  des Fehlen eines klassischen Kalenderjahres mittlerweile den Jahresrhythmus vorgibt, ist in dieser Hinsicht nur konsequent. Während das Konzept eine effektive Einfachheit besitzt, um den Film voranzutreiben, hält es in Hinsicht auf die Handlung genug für tiefergehendere Interpretationen bereit.

Fasten your seatbelts, it’s gonna be a bumpy ride

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Trotz der tollen Prämisse dauert es ein wenig bis man in den Film hinein gefunden hat, da der emotionale Setup zunächst sehr konventionell zu sein scheint. Die zwischenmenschlichen Konflikte, die eigentlich allesamt auf Curtis projiziert werden, könnten nämlich unorigineller kaum sein. Der Anführer, der seinen eigenen Status als solchen noch gar nicht anerkennen will, hat mit den großen Fußstapfen seines Vorgängers Gilliam (John Hurt) ebenso zu kämpfen wie mit dem zügellosen Mut seines jugendlichen Verbündeten Edgar (Jamie Bell). Nicht zuletzt dem mit Vollbart kaum wieder zu erkennendem Chris Evans ist es zu verdanken, dass die emotionale Identifikation dann doch einigermaßen funktioniert. Er bringt Tiefe in einen Charakter, den andere vermutlich stumpf erscheinen hätten lassen.

Die ganz großen Gefühle bleiben beim Zuseher sicherlich dennoch aus, doch diese dürften auch nie Bongs Hauptziel gewesen sein. Vielmehr funktioniert Snowpiercer herrlich gut als Action-Dystopie, die bitteren Ernst mit teilweise an die Trashkultur erinnernden Satiereelementen verwebt. Als Curtis den Sicherheitsexperten Namgoong (Song Kang-Ho) aus seinem Tiefkühlfach holt und ihn fortan mit Drogen zum Öffnen der Türen überredet, bekommt der Film eine neue Facette verpasst. Namgoong und seine Tochter Yona (Ko Asung) sind Figuren, die spürbar dem asiatischen Kino entnommen sind. Hektik, abstruse Situationskomik und eine zunächst eher fragwürdige Motivation prägen ihr Handeln.

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Die beiden vermeintlichen Gegensätze Hollywood und Asien-Kino funktionieren verblüffend gut nebeneinander, was nicht zuletzt dem Klebstoff Tilda Swinton zu verdanken ist. Mit entstellender Maske und konservativem Auftritt verkörpert sie die vom Regime vollends überzeugte Ministerin Mason, die Curtis und Kollegen den Aufstand vermiesen will. Die bewusst übertriebene Art ihres Charakters wird in ambitionierten Filmen nur selten mit ernst gemeintem Drama verknüpft – Bong macht es, und macht es gut.

Twists ohne Schwindelgefühl
Snowpiercer ist trotz des Lobes alles andere als frei von meterweiten Handlungslücken. Obwohl die Erdoberfläche schon seit 17 Jahren ausschließlich aus Schnee besteht und keine Menschenseele mehr einen Schritt nach draußen gewagt hat, ist es für die oberen Zehntausend scheinbar kein Problem, tagtäglich auf feinste Art und Weise zu dinnieren. Wie genau sich die Zubereitung von Sushi und ähnlichen Leckerbissen in einem Zug erklärt, der genau genommen noch nicht einmal eine Wasserversorgung haben dürfte, wird auch während Curtis Reise vom hintersten bis ins vorderste Abteil nicht ersichtlich. Ob der Das ist bewusst so gemacht-Verdacht ausreicht, ist immer ein Stück weit Geschmackssache, wenngleich der Film aufgrund seiner offensichtlich ironischen Elemente gute Chancen auf das benefit of doubt-Prädikat hat.

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So oder so werden die Lücken durch das hohe Tempo, das nie Langeweile aufkommen lässt, gut kaschiert. Wirklich Spaß machen auch die Twists, denen teilweise eine gewisse Blödheit nicht abgesprochen werden kann, die aber nur so vor Kreativität strotzen. Besonders erfrischend ist, dass es sogar zunächst irritierende Details gibt, die man bereits als gegeben hinnimmt, ehe sie mit unvorhersehbaren Wendungen erklärt werden. Auch das Ende, ohne etwas vorwegnehmen zu wollen, baut auf diesen Effekt auf und vereint einmal mehr bitteren Zynismus mit einem Hauch von Philosophie.

Bleibt noch die Optik des Filmes, die, abgesehen von Kameramann Hong Kyung-Pyo, ähnlich wie der Cast auf amerikanisches Talent vertraut. Die vom Comic vorgegebene Verwendung eines Zuges als einziger Schauplatz, hat die Designer zwar scheinbar nicht eingeschränkt, aber auch nicht wirklich inspiriert. Dass es keine Details gibt, die den Zuseher ab und an daran erinnern, auf welch kleinem Lebensraum die Protagonisten hausen, ist schade – der Zug als solches spielt nur sehr selten eine Rolle. Während die Innenausstattung des Gefährts also nur bedingt überzeugen kann, ist die äußerliche Optik schlichtweg katastrophal. Das Schnitt-Team hat gut daran getan, die grauenhaften Animationen, von denen man sich schon im Trailer ein Bild machen konnte, weitestgehend außen vor zu lassen.

Moviequation:

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Verdikt:

Film: Snowpiercer
Rating: Sehr Gut

User3.Leitner.Rating4.Great.Frei.Small User2.Krammer.Rating4.Great.Frei.Small

Ob die tiefer gehenden Elemente ausreichen werden, um sich noch lange intensiv an Snowpiercer zurück erinnern zu können, wird man sehen. Was aber bleiben wird, ist ein dezent unkonventioneller Mix aus Action, Humor und Trash, der zwei Stunden lang extrem viel Spaß macht.

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