The Riot Club

Die Filmographie der dänischen Regisseurin Lone Scherfig, deren frühere Werke mit der Dogma 95-Bewegung assoziiert werden, war zuletzt von einem extremen Auf und Ab geprägt. Auf den mehrfach oscarnominierten Film An Education (2009) folgte mit Zwei an einem Tag (Original: One Day) trotz Anne Hathaway in der Hauptrolle 2011 ein heftiger Kritiker-Flop. Ihr neuestes Werk The Riot Club führt sie nun zurück in die britische Oberklasse.

Seit Jahrzehnten genießt der hochexklusive Riot Club den Ruf als berüchtigste Studentenverbindung an der Universität von Oxford. Zu Beginn des Jahres müssen die bestehenden Mitglieder zwei Neuankömmlinge rekrutieren, wobei vor allem Herkunft und die besuchte Schule eine große Rolle spielen. Man entscheidet sich für zwei konträre Charaktere. Miles (Max Irons) kann der Herablässigkeit, mit der die Mitglieder auf die Mittelschicht blicken, eigentlich wenig abgewinnen, während Alistair (Sam Claflin) die scheinbar endlose Arroganz des Klubs auf eine neue Höhe hebt. Im Zentrum der Handlung steht eine Feier des Riot Clubs, die schon bald zu einem unvergleichlichen Alkohol-Exzess wird, bei dem das Aggressionspotenzial ständig zunimmt.

Mittelschicht-Realismus vs. Oberschicht-Snobismus

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Was gleich zu Beginn auffällt und sich bis zum Ende hin durchzieht, ist die offensichtliche, sehr unscharfe Zeichnung der Charaktere. Miles wird als sehr erfolgreicher, smarter Typ eingeführt, verliebt sich schon kurz nach der Ankunft in Oxford in die schlagfertige Lauren (Holliday Grainger) und scheint ein geregeltes Leben anzustreben. Alistair, der vor allem im weiteren Verlauf der Geschichte zu seinem Konterpart wird, ist hingegen der Loser, der unter der Dominanz seiner berühmten Eltern leidet und gleich am ersten Tag ausgeraubt wird. Dass Miles, obwohl er der Verlockung des Riot Clubs unterliegt, in der Folge der Brave wird und Alistair den Quasi-Bösewicht mimt, ist eine Schubladisierung, die sich der Film leistet.

Zumindest zum Teil ist das der doch großen Masse an Charakteren geschuldet, besteht der thematisierte Klub doch immerhin aus zehn Mitgliedern, die allesamt keine unwesentliche Rolle spielen. Es sind diese schablonenartigen Figuren, die dazu führen, dass The Riot Club ein bisschen schwer in die Gänge kommt, zudem der bewusst übertriebene Ton des Filmes manchmal versehentlich ins Absurde abdriftet. So fühlt man sich etwa beim Aufnahmeritual des Klubs ein wenig an eine vergleichbare Szene aus 22 Jump Street erinnert – mit dem entscheidenden Unterschied, dass diese eben freiwillig lustig war.

Der Film hält sich aber eh nicht allzu lange mit Nebensächlichkeiten auf, bevor es an die Sache – sprich das große Saufgelage – geht und ab diesem Zeitpunkt ist The Riot Club unterhaltsam und auf einem ausreichenden Level interessant zugleich. Vor allem das Einführen zweier Charaktere aus der Mittelschicht, dem Restaurantbesitzer Michael (Michael Jibson) und seine Tochter Rachel (Jessica Brown Findlay), macht den Film weitaus interessanter. Zwar dienen diese Charakter hauptsächlich dazu das dekadente Verhalten des Riot Clubs noch schwerer zu verurteilen – als ob die Message noch nicht offensichtlich genug wäre – doch was die Geschichte auf ein neues Level hebt, ist der starke Kontrast, mit dem die Beiden dargestellt werden. Während bei den Szenen der Studenten “Style over Substance” noch eine Untertreibung wäre, bringen Michael und Rachel einen humanen Kosmos ins Geschehen, indem sie auch ihre eigenen persönlichen Konflikte austragen. Das lässt den ganzen Film ein bisschen erden, weil auch die Übertriebenheit des Riot Clubs im Vergleich mit dem Realismus der Mittelschicht plötzlich viel deutlicher als Stilmittel zu erkennen ist, während sie davor stellenweise einfach dumm wirkte.

Sexappeal > Acting

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Zumindest wenn man den Trailer gesehen hat (aufgrund der Spoiler eigentlich nicht zu empfehlen), ist die Struktur von The Riot Club überraschend originell und unerwartet. Die Partyszene vermutet man zunächst nur als Auslöser für den zentralen Konflikt, stattdessen wird sie aber selbst zum wesentlichsten Inhalt des Filmes. Insgesamt kommt man, trotz der teilweise schmerzhaften Dummheit, nur schwer darum herum, Lone Scherfigs neuestes Werk zu mögen, zumindest unterhaltend zu finden. Die größten Kritikpunkte sind meiner Meinung nach im zu großen Einfluss des Marketings zu finden, für das offensichtlich zentrale Abstriche gemacht werden mussten. Insbesondere die schon an Lächerlichkeit grenzende Attraktivität praktisch aller Charaktere ist in dieser Hinsicht auffällig, aber auch wie versucht wird, den Einfluss der exklusiven Studentenclubs ins Unendliche hochzuheben.

Der fiktive Riot Club orientiert sich besonders stark an der realen Oxforder Studentenverbindung “Bullingdon Club”, dem unter anderem der britische Premierminister David Cameron angehört. Hier hat man offensichtlich versucht, ein prominentes Beispiel zu implizieren, das den Sensationsfaktor der Geschichte ein bisschen aufheizen soll. Vor allem auch deswegen dürften zwei Szenen recht unpassend hineingezwängt worden sein, in denen gezeigt wird, wie unbezwingbar diese an Kriminalität grenzenden Vereinigungen sind. Das hätte man sich durchaus ersparen und dann auch den Originaltitel des zu Grunde liegenden Theaterstückes behalten können. Posh, wie das Theaterstück von Laura Wade heißt, die auch das Drehbuch verfasst hat, wäre ein weitaus besserer Titel gewesen.

Moviequation:

moviequation Riot Club

Verdikt: 

Film: The Riot Club
Rating: Empfehlenswert

User3.Leitner.Rating3.Recommendable.Frei.Small

The Riot Club ist unglaublich offensichtlich, extrem überstilisiert, zeitweise wirklich dumm und obendrein relativ seicht. Ist der Film also furchtbar und absolut unempfehlenswert? Nein, aber ganz ehrlich: Fragt mich nicht warum. Irgendwie greifen die Elemente wunderbar ineinander, die 106 Minuten Laufzeit vergehen wie im Flug und am Ende weiß man nicht so richtig, warum man Spaß gehabt hat.

Michael Verfasst von:

Autor, Editor, Public Relations Michael ist der Arthouse Hipster des Teams, dessen Korrektheit und ruhige Art dafür sorgen, dass die Diskussionen immer fair bleiben und Beleidigungen nur zulässt, wenn sie mit Fakten belegt werden können.

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