Amour Fou

Nach dem großen Erfolg ihres Dramas Lourdes wagt sich die österreichische Filmemacherin Jessica Hausner (mit der wir ebenfalls ein Interview geführt haben) an eine denkbar originelle Prämisse heran. Amour Fou verspricht eine romantische Komödie, basierend auf dem Selbstmord des Dichters Heinrich von Kleist zu sein.

Zur Zeit der Romantik in Berlin sucht der dem Leben überdrüssige Dichter Heinrich von Kleist (Christian Friedel) eine Frau, die gemeinsam mit ihm den Freitod wählen würde. Nach Absage seiner Cousine Marie widmet er sich in diesem Vorhaben verstärkt Henriette (Birte Schnöink), die aufgrund einer tödlichen Krankheit der Idee nicht abgeneigt ist.

Warnung vor Genre-Irritationen

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Das neueste Werk von Jessica Hausner wird gerne als Liebeskomödie bezeichnet, was faktisch gesehen wohl korrekt ist, aber völlig falsche Erwartungen schürt. Denn Konventionen werden in Amour Fou nur genützt, um sie gezielt umzukehren. Wenn etwa das Klischee einen Heiratsantrag vermuten ließe, bittet Heinrich stattdessen mit kühl gewählten Worten Frauen zum gemeinsamen Freitod. Es ist unter anderem diese Kälte der Figuren und insbesondere ihrer Sprache, die eine enorme Distanz zum Publikum aufbauen.

Stimmig dazu sind auch die Bilder von Kameramann Martin Gschlacht, die wie perfekt orchestrierte, zum Leben erwachte Gemälde wirken. Da wird die Leinwand wenn notwendig ganz wunderbar durch Vorhänge abgeschnitten, ein anderes Mal hingegen ihre ganze Breite genützt, um die Unendlichkeit der Landschaft zu inszenieren. So wunderbar das alles gemacht ist, so sehr macht es den Zuseher aber auch zum unbeteiligten Beobachter.

All das ist allerdings sehr wohl beabsichtigt, womit man wieder zu den falschen Implikationen desLabels “Liebeskomödie” kommt, denn die Romantik ist in diesem Film lediglich eine abstrakte Idee, der zuweilen ein sehr nüchterner Blick entgegengesetzt wird. Hier werden gängige Vorstellungen von Liebe radikal hinterfragt und Schicksal bewusst durch den Zufall ersetzt. Schließlich landet von Kleist nicht bei seiner ersten Wahl, seiner Cousine Marie, einen Erfolg, sondern bei der verheirateten Henriette, die wiederum nur aufgrund ihrer ernüchternden Diagnose Gefallen an der Idee findet.

Trockene Theorie frisch verpackt

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Derartige Überlegungen sind hochtheoretisch und gewiss keine leichte Kost, Amour Fou schafft es aber sie interessant zu verkaufen. Hauptverantwortlich dafür ist der Humor des Filmes, der nicht zwangsläufig in lauten Lachern, aber in einer ständig anwesenden Absurdität zu finden ist. Beispielhaft dafür ist jener Moment, als von Kleist, wie immer ohne merkbare emotionale Regung, erklärt, er sei dabei sich in Henriette zu verlieben. Es ist das ideale Beispiel dafür wie es Hausner gelingt, essayistische Überlegungen zugänglich zu inszenieren.

All das soll nicht heißen, dass eine Liebeskomödie ohne Liebe, die zumindest nicht im herkömmlichen Sinne als lustig zu bezeichnen ist, der ideale Film für jedermann ist. Amour Fou ist ein Kunstfilm und stolz darauf, das schreit jeder Shot, ebenso wie jede Zeile des Drehbuches. Es ist allerdings auch eine gute Möglichkeit, den Zynismus mal wegzupacken, denn dann wird man mit einem äußerst gelungenen Experiment belohnt.

Moviequation:

moviequation amour fou

Fazit (Michael):

Film: Amour Fou
Rating:

User3.Rating.4.Great_low_res
Sehr Gut (4 / 5)

Amour Fou ist ein Film auf den man sich einlassen muss, der einem im Gegenzug aber einen intellektuellen und unterhaltsamen Genuss zurückzahlt.

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