Eden

Knapp vorbei ist auch daneben: In Eden erkundet Mia Hansen-Løve, inspiriert von der Biographie ihres Bruders, die Geschichte eines DJs, der nach der Jahrtausendwende erfolglos seinen Lebenstraum verfolgt.

Anmerkung:
Eden lief letztes Jahr in den heimischen Kinos, wurde von uns damals aber nur im Podcast besprochen. Da sich der Film in eine unserer Top Ten Listen geschlichen hat, erhält er jetzt etwas verspätet eine schriftliche Kritik..

Elektro-Sog und Lebensplanung

Garage ist der Shit, den die coolen Kids im Frankreich der Nullerjahre hören. Mit einem guten Freund gründet Paul (Félix de Givry) das DJ-Duo Cheers, um mit tropisch optimistischen Disco-Klängen die Szene zu erobern. Der Plan geht nur bedingt auf, denn im Schatten des Branchen-Krösus bleibt man ein Geheimtipp und muss die Lebensplanung zwangsläufig adaptieren.

Alkohol sowie ein bisschen Ecstasy machen in Eden jede Nacht zur Party, die Kamera heftet sich mehrmals an einen beliebigen Gast, um mit ihm die elektronischen Klänge zu erleben. Genau von diesen fühlt sich zu Beginn auch Paul angezogen, der sogleich den Lebenstraum DJ in die Tat umsetzen will. Doch ausgerechnet er, der den Partylöwen mit vollem Einsatz zur Ekstase verhilft, wird selbst vom Leben brutal ausgespuckt.

Die Hauptfigur von Eden ist an den Bruder von Regisseurin Mia Hansen-Løve angelehnt, der auch am Drehbuch mitgewirkt hat. Dem Insider-Blick entsprechend nüchtern wird die Musikszene dargestellt. Während alte Freunde von Paul als Daft Punk zu Weltruhm gelangen, reicht es bei ihm nur zu einiger Anerkennung und einem Szenen-Kultstatus. Was nach recht viel klingt, ist immer noch zu wenig, um aus dem gelebten Traum nennenswerten Profit zu schlagen. Was übrig bleibt sind Schulden, kleinere Drogenprobleme, eine schwierige Beziehung und das verzweifelte Hinauszögern einer notwendigen Abkehr von der idealistischen Lebensplanung.

Crazy Diamond

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So deprimierend all das klingt, wird Eden dennoch nie zu einer Absage an die Träume, sondern feiert vielmehr die süße Ironie des Scheiterns. Paul verirrt sich im Leben und scheitert grandios, wird für seine Entscheidungen aber nicht moralisch oder gar edukativ abgestraft. Um die Welt zu reisen, sich mehrmals hoffnungslos zu verlieben oder einfach mit Freunden über die Genialität von Showgirls zu diskutieren, hat schließlich auch seinen Wert. Zudem wird bei all den Rückschlägen das Privileg des Probieren-Könnens nicht banalisiert, die Mama wird als ewige Geldquelle zum stillen Helden der Geschichte.

Neben der technischen Finesse profitieren die Partyszenen freilich auch vom großartigen Soundtrack, dessen Zusammenstellung zum größten Problem der Produktion avancierte. Erst als Daft Punk die Rechte an ihren Songs für einen Billigpreis zur Verfügung stellten, zogen andere Musiker des Garage-Genres nach. Hansen-Løve setzt der beinahe vergessenen Musikrichtung ein würdiges Denkmal, wenngleich der Fokus auf die Erkundung der Hauptfigur gelegt wird.

Ironischer Weise hat jenes Lied, mit dem der Film am besten verglichen werden kann, mit Garage aber genau gar nichts zu tun. Eden ist gewissermaßen die cineastische Version des Pink Floyd-Epos “Shine On You Crazy Diamond”, wenngleich Paul glücklicherweise nie ganz so tief fällt wie der besungene Syd Barrett. Beide Werke – Film wie Song – verkörpern die Melancholie in Reinkultur.

Moviequation:

mqeden

Fazit (Michael):

Film: Eden
Rating:

Sehr Gut (4 / 5)

Eden ist die wunderschön melancholische Geschichte eines gescheiterten Lebenstraums.

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