24 Wochen

Regisseurin Anne Zohra-Berrached beobachtet die Entscheidungsfindung eines Paares, bei der Argumente keine Rolle mehr spielen: Möchte ich mein Kind bekommen, obwohl es krank ist?

Im deutschen Gesetz ist eine Abtreibung nach der 12. Schwangerschaftswoche theoretisch nur dann straffrei, wenn ein potentielles Gesundheitsrisiko für die Mutter besteht. In der Praxis wird diese Regelung allerdings auch angewandt, wenn sich eine Frau aufgrund einer wahrscheinlichen körperlichen oder geistigen Behinderung gegen das Kind entscheidet. Argumentiert wird dann mit der Gefahr einer schweren psychischen Belastung für die Mutter. Wird während der Schwangerschaft ein Down-Syndrom diagnostiziert, entscheiden sich Statistiken zufolge 90% für eine Abtreibung.

Vor der Entscheidung, ob sie diesen 90% folgen wollen, stehen die Protagonisten in 24 Wochen. Astrid (Julia Jentsch) ist als Komikerin erfolgreich, glücklich mit ihrem Manager Markus (Bjarne Mädel) verheiratet und bereits Mutter einer Tochter, Nele (Emilia Pieske). Während ihrer zweiten Schwangerschaft wird bei einer Routineuntersuchung festgestellt, dass das Kind Down-Syndrom hat.

Regisseurin Zohra-Berrached wählt für die Konstellation ihres Problems einen bewusst modernen Anstrich. Mögliche Vorschriften, die den Konflikt von außen lösen könnten, werden entschlossen ausgeklammert. An religiösen Motiven müssen sich die Protagonisten ebenso wenig orientieren wie an einem möglichen finanziellen Engpass. Mitte des Films stellt die Protagonistin fest, dass es ihre Entscheidung ist – Das ist die plötzliche Erkenntnis der rechtlichen Überlegenheit gegenüber ihrem Mann, aber auch ein nüchternes Erwachen für den modernen Geist. Die Freiheit, ohne allzu strenger Einschränkungen sein Leben bestimmen zu können ist ebenso Segen wie Fluch.

Der Fluch der Moderne

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Dieser Kunstgriff, die Protagonisten orientierungslos in ihrem Problem zurück zu lassen, führt erst dazu, dass die Konstellation in 24 Wochen ihre volle Wucht entwickeln kann. Umso bedauerlicher, wenngleich verständlich, ist das nach einiger Zeit eingeführte Detail, dass beim Kind auch ein Herzfehler festgestellt wurde. Medizinisch macht das Sinn, – viele Menschen mit Down-Syndrom haben eine Herzkrankheit – dramaturgisch gesehen aber führt es zu einer leichten Entschärfung des Konflikts. Es wirkt ein bisschen wie eine Abbitte an das skeptische Publikum, das das Zögern des Paares “nur” wegen Down-Syndroms womöglich missverstehen könnte. Ohne die selbstverständlich weiterhin dramatische Situation kleinreden zu wollen: Das moralische Dilemma scheint plötzlich etwas lösbarer zu sein.

Immerhin aber wird die Wende für einen interessanten Bogen genutzt, der beide mögliche Entscheidungen argumentiert, ohne Argumente versteht sich. Denn manche Entscheidungen, um den Film selbst zu zitieren, trifft man erst wenn man sie treffen muss. Hier gibt es kein Pro und Contra mehr, von richtig oder falsch ganz zu schweigen. Die dauerhafte Beklemmung ihrer Figuren zeigt Zohra-Berrached anhand zweierlei Stilmittel auf.

Untersuchung als Psychothriller

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Äußerst gelungen sind einzelne Szenen, die beinahe einen gewissen Horror-Touch entwickeln. Ein Treffen mit erwachsenen Down-Syndrom-Betroffenen ist frei von jeglichen Vorurteilen als Bedrohung inszeniert. Verunsichert, fast hilflos lässt sich die Kleinfamilie von einer Schar geistig Behinderter umzingeln. Ebenso eindrucksvoll ist die zum Wendepunkt werdende Untersuchung in der Mitte des Films, die den Herzschlag eines ungeborenen Kindes als subtilen Psychothriller zu inszenieren vermag.

Als zweites auffälliges Mittel dient der Regisseurin eine beinahe endlose Flut an vermeintlichen Schlüsselszenen. Praktisch im Minutentakt scheinen die Figuren eine bahnbrechende Erkenntnis zu erlangen, die Dramatik spitzt sich ohne wesentliche Verschnaufpausen immer wieder zu. Das mag zwar die Extremsituation der Protagonisten ganz gut nachzeichnen, führt beim Zuseher aber zunehmend für eine gewisse Abstumpfung. Wenn die Welt zum gefühlt hundertsten Male auf den Kopf gestellt wird, lässt das emotional schon beinahe etwas kalt.

Diese Schwäche im Aufbau eines sinnvollen Bogens ist durchaus bedauerlich, soll aber nicht von der offensichtlichen Qualität der einzelnen Filmelemente ablenken. Wenngleich die gar so essentiellen Szenen ein wenig zu häufig sind, sind sie isoliert betrachtet dennoch allesamt hochwertig. Dies bezieht sich ebenso auf das Drehbuch, welches Zohra-Berrached gemeinsam mit Carl Gerber verfasst hat, als auch auf die Regiearbeit. Nachwuchspreise, mit denen die Regisseurin für ihre Abschlussarbeit überhäuft wird, sind absolut gerechtfertigt.

Fazit (Michael):

Film: 24 Wochen
Rating:

User3.Leitner.Rating3.Recommendable.Frei.Small

Empfehlenswert (3 / 4)

Obwohl sich 24 Wochen mit einem Überangebot an Schlüsselszenen ein bisschen was von seiner eigenen Wucht nimmt, ist er eine höchstinteressante, aufwühlende Auseinandersetzung mit einem gerne tabuisierten Thema.

Andere Meinungen aus der Redaktion

Film: 24 Wochen
Rating:

Sehr Gut (4 / 4)

24 Wochen ist ein sehr berührender Film und mit berührend meine ich: Tränenalarm! Die Thematik wird einfach so zart und dann wieder hart inszeniert, dass ich es nicht anders als als eine Achterbahn der Gefühle bezeichnen kann. Und die SchauspielerInnen sind auch richtig gut.

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Michael Verfasst von:

Autor, Editor, Public Relätions Michael ist der Arthouse Hipster des Teams, dessen Korrektheit und ruhige Art dafür sorgen, dass die Diskussionen immer fair bleiben und Beleidigungen nur zulässt, wenn sie mit Fakten belegt werden können.

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