Einfach das Ende der Welt

Xavier Dolan bewegt sich in bekannten Gefilden, macht dabei aber nie den Eindruck, nichts mehr zu sagen zu haben.

Lange Zeit als Regie-Wunderkind bezeichnet, hat sich Xavier Dolan im schlanken Alter von 27 Jahren längst als vollwertiger Erwachsener hinter der Kamera etabliert. Gerade bei seinen letzten beiden Filmen, Sag nicht wer du bist und Mommy, ist es dem Kanadier hervorragend gelungen, seine zahlreichen visuellen Einfälle in ein gut funktionierendes Ganzes zu packen.

In Einfach das Ende der Welt scheint der kreative Spielraum zunächst etwas eingeschränkt. Der Geschichte über den todkranken 34-jährigen Louis (Gaspard Ulliel), der nach vielen Jahren zu seiner Familie zurückkehrt, um sich zu verabschieden, ist sein Ursprung im Theaterstück stark anzumerken. Wesentlicher Inhalt sind aufarbeitende Gespräche mit der Mutter (Nathalie Bayer), der Louis kaum bekannten Schwester Suzanne (Lea Seydoux), dem Bruder Antoine (Vincent Cassel) sowie dessen Frau Catherine (Marion Cotillard).

I’ll be your mirror, reflect who you are

Louis selbst fungiert auf der Handlungsebene vor allem als Beobachter, dessen eigener Charakter nur über die Reaktion der anderen Familienmitglieder reflektiert wird. Warum er sein Umfeld einst verlassen hat, kann bestenfalls in vagen Andeutungen erkannt werden. Selbst seine Homosexualität, die gerade von Mutter und Schwester äußerst kindisch interpretiert wird, scheint kein großes Problem zu sein. Von der Erzählung wird er nur einmal konkret geformt, als ein Flashback seine Vergangenheit ein wenig beleuchtet.

Seine stärksten emotionalen Momente hat der Film hingegen dann, wenn der Umgang der Familie mit dem praktischen Verlust des Sohnes offengelegt wird. Wohl keiner davon ist unangenehmer als jener, in dem Suzanne offenbart, wie sehr sie den nahezu unbekannten Bruder zum Helden hochstilisiert. Selbst in der Kleinstadt gefangen, ist Louis Weggang auch für sie ein gefühlter Triumph der Freiheit, der Verehrte selbst kann mit dieser Huldigung wenig anfangen.

Als die beiden Damen des Hauses in der Küche zu einem trashigen Pop-Song einen einstudierten Tanz aufführen, werden hingegen verschiedenste Emotionen in die Küchenmaschine geworfen, um einen grauslich schönen Mix zu erzeugen. Das ist irgendwie schön, aufgrund der Intimität aber auch peinlich und vor allem so enorm unangenehm, weil eine Frage rein rational einfach nie beantwortet werden kann: Warum mögen sie ihn so gern? Etwaige Vorwürfe weben sich erst sehr langsam und subtil in diese Szenen ein. Wesentlich nachvollziehbarer scheint Antoines Verschlossenheit zu sein, die in diesem Kontext einen fast schon erlösenden Charakter bekommt. Denn endlich handelt jemand so logisch, dass es keinen weiteren Überlegungen bedarf.

Düsteres Brooklyn?

Ein Stück weit kann man Einfach das Ende der Welt als die düstere Interpretation von Brooklyn sehen. Hier wie dort wird die Entfremdung eines in die „große Welt“ aufgebrochenen Menschen von seinen Ursprüngen dargestellt. Theater-Autor Jean-Luc Lagarce aber wirft in seine Version noch einen ganzen Sack voll dysfunktionaler Charaktere hinein, um auch nur entfernte Gedanken an den versöhnlichen Abschluss im Keim zu ersticken.

Es ist eine hochkomplexe Bombe von Theaterstück, die Dolan hier interpretiert. Der hohen Textlastigkeit, sowie begrenzten Örtlichkeiten wegen tritt er als Regisseur weit weniger stark in den Vordergrund als bei anderen seiner Filme. Von Unsichtbarkeit ist allerdings beileibe keine Rede, vielmehr schafft er es, eine große Dynamik ins Geschehen zu bringen. Dazu dienen ihm auch visuelle Tricks, noch auffälliger aber ist die akustische Komponente. Insbesondere in der ersten Hälfte des Filmes bedarf es großer Aufmerksamkeit, auch nur einen Moment der Stille zu entdecken. Stets rotiert irgendwo im Hintergrund ein Pop-Tune, der Unruhe und Authentizität zugleich vermittelt.

Fazit (Michael)

Film: Einfach das Ende der Welt
Rating:

Sehr Gut (4 von 5)

Einfach das Ende der Welt lebt in erster Linie von der großartigen textlichen Vorlage, wird aber nicht zuletzt dank Dolans cineastischen Feinschliff zu einem der Pflichttermine dieses Kino-Winters.

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