Flip the Truck | Tully

Tully

Die moderne Mutter, ein Think-Piece mit ungewöhnlichen Wendungen.

Marlo (Charlize Theron) wird zum dritten Mal Mutter. Die Enddreißigerin hat beide Hände voll mit ihren zwei Kleinen zu tun und der Kinderwahn wird langsam ermüdend. Auch Ehemann Drew (Ron Livingston) ist nicht gerade die größte Stütze. Marlos Bruder (Mark Duplass), der selbst Kinder und genug Geld hat, diese von externer Hilfe versorgen zu lassen, macht Marlo ein Geschenk: In den ersten Wochen soll sie die Hilfe einer Night-Nanny in Anspruch nehmen, um endlich wieder durchschlafen zu können. Zuerst wehrt sich Marlo auch nur gegen die Idee, sich von einer fremden Person helfen zu lassen, doch nach ein paar schwierigen Wochen, holt sie sich Tully (Mackenzie Davis) ins Haus. Die junge Studentin wirkt zwar ein bisschen beseelt, doch Marlo findet bald Gefallen daran, sich mit Tully zu unterhalten. Die beiden werden Freundinnen, was die Sache nicht gerade einfacher macht.

Was ist Mutterschaft?

Diese philosophische Frage ist die Basis des Films. Beziehungsweise die Frage, ob Frausein gleichbedeutend mit Mutter-Sein ist. Seien wir mal ehrlich: Die moderne Gesellschaft ist ein bisschen wie eine Streckbank für uns Frauen, vor allem, wenn wir Kinder wollen. Auf der einen Seite zieht diese uns jahrhundertelang eingeprügelte Übermutter an uns, die will, dass wir so gut wie möglich für unseren Nachwuchs sorgen – bis zum Rande der Selbstaufopferung. Auf der anderen Seite zieht der Individualismus an uns, die Selbstverwirklichung, die Karriere, das eigene Leben. Der Clou daran: Wir können es NIEMALS jemandem Recht machen. Wenn wir uns auf die Karriere konzentrieren, das Kind zur Tagesmutter oder in die Krabbelgruppe geben und unsere Bedürfnisse vor das Kind stellen, gelten wir als Raben- oder Drachenmutter. Wenn wir das Kind umsorgen, bei ihm zuhause bleiben, ohne zu arbeiten, sind wir total altmodisch und willenlos.

Die moderne Mutter, ein Think-Piece mit ungewöhnlichen Wendungen. Das will Tully sein. Aber schafft es diese schwarz-graue Komödie von Diablo Cody und Jason Reitman einerseits an ihren gefeierten Hit Juno heranzukommen und andererseits wirklich etwas über Mutterschaft auszusagen? Eine Antwort auf diese Frage zu finden, ist nicht einfach. Juno war ein absolutes Kind seiner Zeit. Der lustige, goofy Indie-Film setzte eine Bewegung in Gang und das ist lobenswert. Aber wegen dieser Umstände ist es umso schwerer festzustellen, ob die Komödie rund um eine Teenie-Mama wirklich so gut ist. Und Mutterschaft ist so vielseitig, so individuell, dass eine allgemeine Aussage wohl gar nicht möglich ist.

Doch eins ist Tully: Ehrlich. Selten hat man so verstörende, aber auch schöne Bilder der ersten Wochen eines Kindes in einem Mainstream-Film gesehen. Wenn Marlo das Smartphone aufs Baby fallen lässt, dann ist das wie ein Blick in die Zukunft aller Menschen, die ein Kind wollen oder schon eins erwarten. Marlo, die keine junge Mama ist, ist sichtlich mitgenommen von den Strapazen. Die Schlaflosigkeit setzt ihr zu, vor allem, weil sie auch noch allein den Haushalt schmeißen und die zwei anderen Kinder umsorgen muss. Dass Sohn Jonah (Asher Miles Fallica) nicht gerade das unkomplizierteste Kind ist, hilft der Sache ebenso wenig auf die Sprünge, wie die Tatsache, dass Vater Drew sich nach der Arbeit vor sein Konsolenspiel setzt.

Letzterer wird sowieso als eine Art Nix-Checker dargestellt und scheint so als wandelnde Symbolik die Unausgeglichenheit zwischen Müttern und Vätern zu verkörpern. Seine schiere Unfähigkeit, den grausamen Zustand aufzufassen, in dem sich seine Frau befindet, macht einen so richtig wütend. Man möchte ihn schütteln und sagen: “Wir wissen eh, dass du arbeitest, aber bitte, kannst du nicht auch mal was tun???”

Moderne Frau, moderner Mann?

Doch wie alle Figuren in Tully ist auch Drew weder Schwarz noch Weiß, denn er liebt seine Frau und seine Familie wirklich, das merkt man ihm an. Und er ist auch nicht der “klassische” Dad, der seinen Kaffee ans Bett serviert und das Abendessen um 18 Uhr auf dem Tisch haben will.

Mackenzie Davis stars as Tully in Jason Reitmans “Tully”, © ThimFilm

Denn Drew ist das Ergebnis einer Welt, in der die Sozialisation von Jungs und Männern nicht wirklich modernen Ansprüchen entspricht. Somit denkt Drew, dass er eh ein moderner Typ ist, der seine Frau respektiert, doch gleichzeitig macht er eine leicht abschätzige Bemerkung darüber, dass es schon wieder kein selbstgekochtes Abendmahl gibt. Er nimmt sein persönliches Dasein als selbstverständlich an, genießt es, zu arbeiten und dann seine wohlverdiente Ruhe zu haben. Drew ist der Typ Mann, der den Geschirrspüler einräumt, ohne, dass man ihn drum bittet und dann den ganzen restlichen Tag stolz ist, dass er auch was für den Haushalt tut. Er meint es nicht böse, doch nagen die Kommentare an Marlo. Sie ist auch ein wandelndes Symbol für die Zerrissenheit der modernen Mutter. Der Clou an ihrer Figur: Sie liebt es, eine Mutter zu sein, doch kann dies nicht wirklich vor sich selbst zugeben. Als wäre dieser Umstand eine Schwäche, etwas, was nicht sein darf. Eine westliche Frau im Jahre 2018 darf es doch nicht genug finden, nur ihre Kinder zu umsorgen. Oder doch?

Diese Fragen gehen einem durch den Kopf, wenn man Tully schaut. Man lacht, man ist verstört, man grübelt. Diablo Cody und Jason Reitman haben es wieder geschafft, den richtigen Film zur richtigen Zeit rauszubringen. Und sicherlich befürworten sie es, dass man nicht nur über die technischen Eigenheiten, die tolle Kameraführung, die hervorragende Musikwahl und das gelungene Casting spricht, sondern, dass man das Thema Mutterschaft aufgreift. Und darüber diskutiert. Denn ich kann mir vorstellen, wie unterschiedlich Männer und Frauen diesen Film auffassen können und auf welch unterschiedlichen Details sie aufmerksam werden.

Tully ist ein bisschen ein weirder Film. Man merkt, wie Cody sich als Drehbuchautorin weiterentwickelt hat und von dem quirky Humor weggekommen ist. Trotzdem ist dies ein roher, eckiger und kantiger Streifen. Er ist emotional, aber nicht auf die sanfte Tour. Der haut schon ganz schön seine Symbolik raus, nach dem Motto: Lieber mit dem Vorschlaghammer! Niemand soll die Bedeutung oder die Metaphern ignorieren könne. Und ehrlich gesagt steht diesem Film diese geradeheraus Attitüde hervorragend. Gut, es ist schwer, sofort mit Tully zu bonden. Doch der Film ist ein absoluter Grower.

Fazit (Anne-Marie):

Film: Tully
Rating:

User4.Rating.4.Great
Sehr Gut (4 / 5)

Tully regt nicht nur zum Nachdenken an, sondern überrascht während des Schauens mit feinem, schwarzen Humor, einer entwaffnenden Ehrlichkeit und einer Wendung, die man nicht vorhersehen kann. Ein Must See für alle, die sich ein Kind wünschen oder schon eins erwarten.

 

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1 comment for “Tully

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