Mr. Turner

Eine britische Legende erzählt von einer anderen: Mr. Turner ist Mike Leigh’s Filmbiographie erzählt über das Leben von J.M.W. Turner, der dank seines Schaffens im 19. Jahrhundert bis heute als einer der größten Landschaftsmaler der Geschichte gilt.

Von seiner Ex-Frau, der spießigen Künstlergesellschaft und dem Leben im Allgemeinen genervt, grantelt sich J.M.W. Turner (Timothy Spall) durch den Maleralltag. Ablenkung findet er lediglich bei seiner Haushälterin Hannah Danby (Dorothy Atkinson) sowie, in späteren Jahren, bei der Witwe Sophia Booth (Marion Bailey).

Eindrücke sammeln statt Highlights liefern

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Eine Zusammenfassung des Inhalts über die Feststellung, es handle sich um eine Biographie von J.M.W. Turner, hinweg auszuweiten, würde lediglich in einer Aneinanderreihung der Ereignisse enden. Denn Mr. Turner wird in einer sehr losen Weise erzählt, die nicht nur offen lässt, wie viel Zeit zwischen den gezeigten Ereignissen vergeht, sondern auf den ersten Blick auch sehr willkürlich wirkt. Die komplizierte Beziehung zu seiner Ex-Frau wird ebenso zur Randnotiz wie die kurzen Leidenschaften mit der Haushälterin oder auch Turners schwieriges Verhältnis zur Kunstauffassung seiner Zeit.

Weder für die Charaktere noch für die Geschichte selbst, darf man hier einen klassischen Bogen mit Payoff erwarten, denn Mike Leigh geht es viel mehr darum, ein Gefühl für die Hauptfigur aufzubauen, das nicht in erster Linie von deren Handlungen geprägt ist. So bekommt man hier keine Highlights-Show, die uns die Eckpunkte seiner Biographie erklären, sondern einen Eindruck davon, wie die Lebensumstände von Mr. Turner ausgesehen haben dürften.

Turner grunzt sich durchs Leben

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Das Gelingen dieses Versuches wird von vielen Seiten auf das nuancierte Schauspiel von Timothy Spall zurückgeführt. Charakterisiert wird die Performance vor allem durch einen irgendwie beleidigten Laut, den man am ehesten als Grunzen bezeichnen könnte, das, je nach Kontext, ebenso für zärtliche Zustimmung wie strikte Ablehnung stehen kann. Tatsächlich schafft es Spall, den zutiefst menschlichen Charakter, der sich hinter der strengen Fassade verbirgt, immer wieder in kurzen Momenten hervorblicken zu lassen.

Man sollte aber auch nicht außer Acht lassen, mit wie viel Bedacht Mike Leigh hier Momente ausgewählt hat, um seine Figurenzeichnung zu schärfen. Es mag eine Zeit lang dauern, ehe es dem Zuseher bewusst wird, doch ist die Szenen-Komposition sehr gut gelungen, indem sie mit einer Fülle an zwischenmenschlichen Momenten die Verleztlichkeit Mr. Turners gut hervorbringt. Ein großes Lob muss auch den beiden Nebendarstellerinnen gewidmet werden, wobei Hannah Danby’s der unerwiderten Liebe der Haushälterin schmerzhafte Resonanz verleiht, während Marion Bailey als die letzte Partnerin des Künstlers die vielleicht einzige richtig sympathische Figur des Filmes ist.

Herrlich bebilderte Überlänge

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Wenn auch die Sinnhaftigkeit von Mr. Turner nicht gleich erkennbar sein mag, so fällt man doch nie völlig aus dem Film heraus, was der wunderbar kitschigen Kamerarbeit von Dick Pope zu verdanken ist. Zu den besonders beeindruckenden Shots zählt gleich die allererste Einstellung, in der es einen fließenden Übergang von einer traumhaften Landschaftsaufnahme zur nächsten gibt. Während die Kamera im Kontext der Bilder Turners mit Sicherheit noch mehr Sinn ergibt, ist es auch für den Laien erkennbar, wie gut Pope es versteht, die legendären Gemälde auf die Leinwand zu projizieren.

Neben den etwas zu offensichtlichen Diskussionen zwischen Künstlern, kann eigentlich nur ein echter Kritikpunkt festgemacht werden, der den Gesamteindruck aber doch trübt. Die zweieinhalbstündige Laufzeit ist bei einem Film, der im Prinzip keine Geschichte erzählt, nur schwer zu rechtfertigen. Zwar gibt es aufgrund der betonten Gleichgestelltheit der Szenen nicht die offensichtlichen Momente, die man hätte schneiden können, doch das Konzept wäre wohl auch mit einigen Minuten weniger aufgegangen.

Fazit (Michael):

Film: Mr. Turner
Rating:

User3.Rating.4.Great_low_res
Sehr Gut (4 / 5)

Während der 150 Minuten, die Mr. Turner dauert, gibt es einige Szenen, deren Relevanz man im ersten Moment stark anzweifelt. Am Ende und mit ein wenig Distanz aber erkennt man die wirklich schöne, gelungene Zeichnung einer historischen Figur. Während man auf diese Erkenntnis wartet, kann man sich an den wunderschönen Aufnahmen ergötzen, die auf der Kinoleinwand mit Sicherheit den besten Eindruck hinterlassen.

Weitere Meinungen aus der Redaktion

Fazit (Wolfgang):

Film: Mr. Turner
Rating:

User1.Wolfgang.Rating5.Flipthetruck.Frei_1
Exzellent (5 / 5)

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Michael Verfasst von:

Autor, Editor, Public Relations Michael ist der Arthouse Hipster des Teams, dessen Korrektheit und ruhige Art dafür sorgen, dass die Diskussionen immer fair bleiben und Beleidigungen nur zulässt, wenn sie mit Fakten belegt werden können.

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