The Snapper (1993) – [Weihnachts Engerl-Bengerl 1 von 4]

Es war einmal ein Stephen Frears, der einen aufregenden Film gemacht hat. Lang ist’s her.

Anmerkung: Diese Kritik wurde im Rahmen unseres Flip the Truck – Engerl-Bengerl* geschrieben. Die vier AutorInnen bekamen jeweils eine Filmempfehlung. Vom wem die jeweilige Filmempfehlung stammt wird im Weihnachtspodcast am 22. Dezember gelüftet!

Wir schreiben das Jahr 1993 in Großbritannien, wo es dank der BBC nun bereits seit einiger Zeit äußerst sehenswerte Fernsehfilme gibt. Im Rahmen der sogenannten “Screen Two”-Reihe bekommen Filmemacher die Chance, mit ansprechendem Budget ausgestattet gutes Fernsehen zu produzieren. Hier kommt der irische Autor Roddy Doyle dazu, der kurz zuvor mit der Verfilmung seines Buches The Commitments großen Erfolg feiern durfte. The Snapper ist die Fortsetzung eben dieser Geschichte, wird allerdings mit einem weitgehend anderer Besetzung gedreht. Als Regisseur ist niemand geringerer als Stephen Frears (The Queen, Florence Foster Jenkins) am Werke, der (soviel vorweg) natürlich unsichtbar bleibt.

Das alles klingt unheimlich kompliziert (und ist es vielleicht auch), ist aber im Grunde unwichtig, um den Film zu genießen. Denn abgesehen von einigen etwas unmotiviert auftauchenden Familienmitgliedern lässt sich The Snapper nie anmerken, dass es eine Fortsetzung ist. Zudem ist die zeitlose Geschichte von Vorwissen völlig unabhängig. Teenager Sharon (Tina Kellegher) ist schwanger, was in ihrer eher einfachen, finanziell weniger gut situierten Familie nicht gerade prächtig ankommt. Vor allem Papa Dessie (Colm Meaney) hat damit ordentlich zu kämpfen und das obwohl er zunächst noch gar nicht ahnt, welche Ungeheuerlichkeiten die Suche nach dem Vater des Kindes für ihn parat hält.

Tolles tolles Drehbuch

The Snapper ist, kurz gesagt, herrlich. Einfach herrlich. So simpel die Handlung ist, so grandios sind die Figuren ausgetüftelt. Vor allem Dessie kann noch so primitiv oder gar aggressiv tun, man will ihn dennoch die ganze Zeit knuddeln. Viel zu stark ist hinter jedem seiner rauen Sprüche eine große humane Note spürbar. Sharon hingegen nimmt ihr Schicksal keineswegs ehrenhaft an, säuft trotz Schwangerschaft was das Zeug hält und stellt sich in der Verheimlichung des Kindesvaters denkbar ungeschickt an. Aber sie nicht gern zu haben? Vollkommen unmöglich.

Ohne eine Vorgeschichte zu erahnen, merkt man hier als Zuseher unbewusst doch die zugrunde liegende Buchreihe. Derartig gut durchdachte Figuren lassen ein solides Fundament erahnen, von dem der Film natürlich profitiert. Quasi zum Drüberstreuen kann die beileibe nicht einfache Konstellation ohne Einschränkungen genossen werden, weil The Snapper einfach extrem lustig ist.

Stephen Frears, seines Zeichens hoffnungslos überschätzter Durchschnittsregisseur, macht hingegen leider nur das Übliche: Nämlich gar nichts. Die Schauspieler sind wie immer super, das funktioniert ja meistens ganz gut bei ihm. Eine klare Handschrift des Regisseurs hingegen bleibt aus. Ehre gebührt entsprechend dem Ensemble und vor allem dem Autor. Danke für diese kleine irische Perle, Mr. Doyle!

 Fazit (Michael):

Film: The Snapper
Rating:

Sehr Gut (4 von 5)

Dank eines famosen Drehbuchs sowie zwei sehr guten Hauptdarstellern ist The Snapper ein rotzfrecher irischer Geheimtipp, den es sich auch 20 Jahre nach der Erstausstrahlung noch zu entdecken lohnt.

*Engerl-Bengerl = Wichteln für unsere Fans aus Deutschland.

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