13th

The revolution will not be televised on Twitter.

Die schwerwiegende Benachteiligung von Afroamerikanern in den U.S.A. ist wie ein  andauerndes latentes Problem, das immer mal wieder in den medialen Fokus rückt. Vor geraumer Zeit ist erneut eine solche dringend notwendige Phase der Aufmerksamkeit aufgebrochen, die gerne als #BlackLivesMatter bezeichnet wird. Übertriebene Polizeigewalt gegenüber dunkelhäutigen Bürgern wird diesmal diskutiert, die Problematik ist aber wesentlich tiefer verwurzelt.

Wie stark der Rassismus in das System der Staaten eingebunden ist, versucht Ava DuVernay (Selma) auf Netflix in ihrem ungemein starken Dokumentarfilm 13th aufzuzeigen. Der Titel bezieht sich dabei auf jenen berühmten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung, wonach jeder Mensch frei sei. Konkret handelt es sich um die von Abraham Lincoln durchgeboxte Abschaffung der Sklaverei. Was gerne als großes Ende des Rassismus interpretiert wird, degradiert DuVernay zu einer leichten Adaption der Benachteiligung. Denn jenes Detail wonach das Recht auf Freiheit im Falle einer entsprechenden Straftat eben doch aufgehoben wird, würde in erster Linie zu Ungunsten der Afro-Amerikaner ausgelegt werden.

Strenges Skript, große Wirkung

Soweit sieht die Ausgangsbasis der Dokumentation aus, die sich in weiterer Folge an dem Zusammenhang zwischen gelebten Rassismus und den seit Jahrzehnten stark steigenden Häftlingszahlen orientiert. Dabei könnte der Film zwar streng genommen in einzelne Kapitel unterteilt werden, tatsächlich aber stellt er eine flüssige chronologische Aufarbeitung der Rassismus-Geschichte in den U.S.A. dar. Je nach eigener historischer Sattelfestigkeit sind da durchaus überraschende, schockierende Erzählungen dabei. Dass das Ende der Sklaverei den Staat in eine Krise zu jagen drohte, die man durch die teils grundlose Verhaftung vieler Schwarzer abzuwenden versuchte, kann man vielleicht wissen, muss man aber nicht.

Weitere Punkte bilden eine regelrechte Horror-Ausstellung der U.S.-amerikanischen Politikgeschichte. Republikaner-Liebling Ronald Reagan und sein Vorgänger Richard Nixon werden erwartungsgemäß für den berüchtigten “War On Drugs” gerüffelt, aber auch die Clintons bekommen eine ordentliche Schelte mit auf den Weg. DuVernay vertraut dabei der eher klassischen Talking Heads-Herangehensweise, lockert dies aber immer wieder mit Archivbildern auf. Dass 13th für Dokumentarfilm-Verhältnisse wohl ein eher strenges Skript hat, ist zu erahnen, eine authentische, flüssige Erzählung gelingt aber dennoch.

Wenn man die Geschichte eines Landes sukzessive erzählt, landet man zwangsläufig irgendwann in der Gegenwart. DuVernay hat sich diesen logischen Schritt für die letzten 20 Minuten ihres Films aufgehoben, in denen die historische Verwurzelung der aktuellen Probleme noch deutlicher wird. Um die Rassismusdebatte wirklich verstehen zu können, bedarf es einer solchen weit greifenden Aufarbeitung. Diese Erkenntnis ist zwar Gold wert, eine Erleichterung für den Zuseher ist sie aber freilich nicht. Am Ende prügelt DuVernay mit einem geschmackvollen Maß an Emotion auf das ohnehin schon angeschlagene Publikum ein. Vom Sessel wieder aufstehen kann man nur, weil dann eben doch ein klein bisschen Hoffnung vermittelt wird. An Gil Scott-Herons Erkenntnis aus den frühen 70er Jahren, “The revolution will not be televised”, mag sich wenig geändert haben, aber heute gibt’s eben Twitter, Instagram, Facebook und Kollegen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Fazit (Michael):

Film: The 13th
Rating:

Sehr Gut (4 von 5)

Mit The 13th liefert Ava DuVernay ein essentielles Stück Geschichtsunterricht ab, das nicht zuletzt zwischen den Zeilen unheimlich viel zu sagen hat. Muss man gesehen haben, Punkt.

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