Hin und Weg

Sozusagen gerade nicht mehr pünktlich und ohnehin rein zufällig kommt ein Film über ALS in die Kinos kurz nachdem das Internet mit Videos der Ice-Bucket Challenge überschwemmt wurde. Die deutsche Produktion Hin und Weg will aber ohnehin mehr sein als das Erklären eines Krankheitsbildes, indem sie sich Gedanken über Freundschaft, Liebe und Abschied macht.

Wie jedes Jahr macht eine befreundete Gruppe von sechs Spätdreißigern und Frühvierzigern eine große Radtour. In diesem Jahr wird aber alles anders, als Hannes (Florian David Fitz) seinen Freunden offenbart, dass er an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS leidet. Nicht nur das, erklärt er auch warum die Reise in diesem Jahr ausgerechnet nach Belgien gehen soll. Aufgrund der dortigen Gesetzeslage will sich Hannes am Ende der Tour Sterbehilfe in Anspruch nehmen und seinem Leben ein Ende setzen.

Überzeugende Hauptdarsteller

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Würde man einen Lucky Bastard-Preis für Filme verleihen, die durch reinen Zufall zu einer stark gesteigerten Medienaufmerksamkeit gelangen, Hin und Weg wäre dank der Ice Bucket Challenge wohl ein Siegesgarant. Die Nervenkrankheit selbst spielt in Christian Züberts Film aber eine sehr untergeordnete Rolle, was man nur gutheißen kann. Nichts ist mir mehr zuwider als “Krankheit der Woche”-Filme, die in der Hoffnung auf leicht verdiente Mitleidstränen Symptome einer höchstseltenen Krankheit oder auch Persönlichkeitsstörung erklären. In Hin und Weg erfährt man über ALS hingegen denkbar wenig, abgesehen von dessen Unheilbarkeit und der unausweichlichen Morbidität.

Dementsprechend steht auch nicht unbedingt der Kranke selbst im Fokus, sondern der Umgang der Gruppe mit diesem. Die überzeugendste Figur ist jene von Hannes’ Lebensgefährtin Kiki (Julia Köschitz), der der grausame Balance-Akt stets anzusehen ist. Während sie versucht, die letzten Tage ihres Freundes so schön wie möglich zu gestalten, ist ihr immer schmerzhaft bewusst, dass ihr Leben nach dem Verlust von Hannes weitergehen wird. In diesem Zusammenhang sind vor allem die beiden Hauptdarsteller, Fitz und Köschitz, lobend zu erwähnen, die ihren Charakteren genug Glaubwürdigkeit verleihen, um den Film zu tragen. Es sind die Momente zwischen den Beiden, die einen den ganzen Film über einen Kloß im Hals haben lassen. Hin und Weg versteht es gut, dass auch das tragischste Thema realistische Figuren braucht, um seine komplette Wirkung zu erfüllen.

It’s about Friendship!

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Trotzdem sind die beiden aber nur Teil einer Gruppe, die hier ganz klar im Zentrum steht, schließlich haben wir es mit einem Film über Freundschaft zu tun. Genau dieser gleichmäßig auf alle Charaktere verteilte Fokus ist zugleich aber auch eine Schwäche des Filmes, da man mit manchen Figuren einfach zu viel Zeit verbringt. Das Ehepaar Dominik (Johannes Allmayer) und Mareike (Victoria Mayer) macht etwa eine Ehekrise durch, die einen im Kontext der Geschichte eigentlich wenig bis gar nicht interessiert. Für Hannes’ Bruder Finn (Volker Bruch) hingegen wird ein Konflikt erfunden, der ihn wohl noch besser definieren soll, aber auch nicht wirklich überzeugend ist. Und dann wäre da noch Jürgen Vogel, der als Michael wie immer sehr raumfüllend ist, was manche vielleicht mögen, aber zumindest in einem Film, der seine Charaktere gleichwertig behandeln möchte, äußerst unpassend ist. Außerdem tut er uns das Verbrechen an, sich während dem Trip Sabine (Miriam Stein) aufzureißen, die leider eine grauenhaft schlecht geschriebene Figur ist.

Weil das noch nicht ganz reicht, um einen zwischenzeitlich aus dem Film zu reißen, gibt es dann auch noch ganz eklatante Schwächen in der Produktion. Vor allem die Wahl der Musik ist als katastrophal zu bezeichnen, weil man sofort erkennt, dass nur sehr wenig Arbeit darin geflossen ist. Wenn man Stücke wie jene von Mainstream-Raunzer Passenger hört, kommt der Eindruck auf, die Zuständigen hätten einfach mal den erstbesten Radiosender eingeschalten und gewartet bis ein trauriges Lied kommt.

Moviequation:

moviequation hin und weg

Fazit (Michael):

Film: Hin und Weg
Rating:

User3.Leitner.Rating2.Lukewarm.Frei.Small
Empfehlenswert (3 / 5)

Hin und Weg hat ein Thema, das kein Meisterwerk verlangt, um seine Zuseher zu bewegen. Trotzdem wurde der Versuchung nach dem einfachen Weg widerstanden, ist Züberts Film doch in erster Linie ein Film über Freundschaft und wie diese dem Einzelnen hilft, Krisen zu überwinden. Daher geht sich auch trotz der offensichtlichen Schwächen knapp eine Empfehlung aus.

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