The Visit

Die Karriere von Sixth Sense-Regisseur M. Night Shyamalan glich bislang einer Achterbahn, die sich auf stetiges Bergabfahren beschränkte. Doch mit dem überraschend soliden Horrorfilm The Visit meldet er sich endlich zurück.

Die Jugendliche Becca (Olivia DeJonge) und ihr um ein paar Jahre jüngerer Bruder Tyler (Ed Oxenbould) besuchen eine Woche lang ihre Großeltern, die sie bis dato gar nicht kannten. Bereits vor Jahren hatte sich ihre alleinerziehende Mutter (Kathryn Hahn) mit ihren Eltern zerstritten. Im Laufe der Zeit entwickelt sich der Kurztrip zu einem wahren Albtraum für die Kinder, denn Oma (Deanna Dunagan) und Opa (Peter McRobbie) verhalten sich von Tag zu Tag merkwürdiger.

Zynismus muss zuhause bleiben

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Shyamalans Rückkehr ins Horror-Genre ist im Found Footage-Stil gedreht, wobei dieser mit einer Dokumentation gerechtfertigt wird, die Becca über ihren Ausflug drehen möchte. Bruder Tyler wird noch eine zweite Kamera in die Hand gedrückt, er soll sozusagen hinter den Kulissen filmen, interpretiert seinen Job aber sehr freizügig. Das Gezeigte entspricht dann auch dem Alter der Regisseure, prinzipiell stehen die beiden jugendlichen Charaktere ganz klar im Fokus des Films.

Für den Zuseher heißt das vor allem, dass man seinen Zynismus beiseite legen muss. Denn wenn Tyler für die Kamera einen Freestyle rappt oder Becca vermeintliche Regie-Weisheiten auspackt, dann könnte dieses jugendliche Selbstbewusstsein für manch einen durchaus zu viel sein. Zum Glück aber gelingt es dem Film, seine beiden ProtagonistInnen zu wirklich durchdachten Figuren zu machen, die schwer darunter leiden, dass der Vater vor Jahren die Familie verlassen hat.

Eher Komödie als Schocker

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Aus der sympathisch jungen Perspektive wird in der Folge eher eine Horror-Komödie als ein geradliniger Grusel-Schocker gezeigt. Das funktioniert aber prächtig, da der Film sich nie über den Horror lustig macht, sondern diesen einfach von Haus aus witzig gestaltet. In einer frühen Szene spielen die beiden Kinder Verstecken, unter der Veranda in engen Gängen kriechend, als die Großmutter plötzlich im Hintergrund der Kamera auftaucht. Panisch ergreifen die Kids die Flucht, nur um von der strahlenden Oma danach gehört zu bekommen, wie lustig das Spiel doch gewesen sei.

Die Kinder sind also die eigentlichen Stars von The Visit, ihre Großeltern sind aber sozusagen die Würze für das Gesamtpaket. Vor allem Deanna Dunagan interpretiert die Oma genial, ständig scheint sie an der Grenze zwischen prächtiger Laune und absoluten Wahnsinn zu stehen. Durch die prinzipielle Unheimlichkeit ihres Charakters muss sich der Film auch nicht auf billige Schocker fokussieren, es reicht schon, wenn sie in der Nacht mit einem Messer in der Hand durchs Haus läuft.

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Ohne das Rad neu zu erfinden ist Shyamalans neuestes Werk absolut gelungen, da fast über die komplette Laufzeit hinweg prächtig unterhalten kann. Lediglich am Ende hätte der vermeintliche Meister des Twists noch ein bisschen schrauben können. Die große Wende selbst ergibt bei genauerer Reflektion nur wenig Sinn, überzeugt aber dennoch durch ihre knackige Einfachheit. Allerdings wirkt die finale Actionszene im Vergleich zur restlichen Stimmung des Films etwas deplatziert, dauert außerdem zu lange und baut etwas zu offensichtlich auf zuvor etablierten Charaktereigenschaften auf. Die letzte Sequenz ist dann ein emotionaler Moment, der nach hinten losgeht, weil er sich auf einen Charakter fokussiert, der bis dato eigentlich eine untergeordnete Rolle gespielt hatte.

Moviequation:

visitmq

Fazit (Michael):

Film: The Visit
Rating:
User3.Leitner.Rating4.Great.Frei.Small
Sehr Gut (4 / 5)

Wer seinen Kids von heute-Zynismus ausschalten und über das etwas schwächelnde Ende hinwegsehen kann, wird mit The Visit prächtig unterhalten sein. Dafür sorgen in erster Linie zwei gut geschriebene Hauptcharaktere und ein sehr natürlich integrierter Humor.

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Michael Verfasst von:

Autor, Editor, Public Relätions Michael ist der Arthouse Hipster des Teams, dessen Korrektheit und ruhige Art dafür sorgen, dass die Diskussionen immer fair bleiben und Beleidigungen nur zulässt, wenn sie mit Fakten belegt werden können.

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