My first Lady (engl.: Southside with You)

Der Spielfilm über das erste Date der Obamas nimmt Anleihe bei Richard Linklater und will sich in die Liste jener Biopics einreihen, die über braves Herunterbeten von Fakten hinausragen.

Von der einstigen “Yes We Can”-Euphorie ist gegen Ende der 8-jährigen Amtszeit von Barack Obama nicht mehr viel übrig geblieben, vom Friedensnobelpreis ganz zu schweigen. Doch ganz unabhängig davon ob man seine Regentschaft als Erfolg werten möchte, als erster dunkelhäutiger US-Präsident hat er zweifelsohne Geschichte geschrieben. Zumindest in den Vereinigten Staaten scheint ihm nach wie vor viel Liebe entgegen zu wirken, immerhin wird ihm zum Abschied ein eigener Spielfilm gewidmet.

Regisseur und Drehbuchautor Richard Tanne hat sich in Southside with You ein sehr spezifisches Detail aus Obamas Lebenslauf herausgepickt. Das erste Date zwischen dem jungen Barack (Parker Sawyers), für einen Sommer Anwalts-Aushilfe in Chicago, und seiner angebeteten Arbeitskollegin Michelle (Tika Sumpter) wird genauer unter die Lupe genommen. Dabei nimmt der Film deutlich spürbare Anleihen bei Richard Linklaters Before-Trilogie. Ohne Unterlass über das Leben philosophierend, schlendern die beiden Protagonisten von Schauplatz zu Schauplatz. Auch Ereignisse, die während des Dates rund um sie passieren, dienen in erster Linie als weiterer Gesprächsstoff. Wie Linklater profitiert auch Tanne von einem ebenso geschickt konstruierten wie intelligenten Drehbuch. Die Verknüpfung zwischen romantischem Date-Film und Anregung zu tieferen Gedanken gelingt ihm scheinbar mühelos, selbst das verpflichtende Einweben biographischer Fakten wirkt die meiste Zeit über natürlich.

Sinnvoll eingebundene Fakten

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Baracks Vaterkomplex wird nicht einfach nur erwähnt, sondern zu einem der Leitmotive des Films erhoben. Die Basketball-Karriere von Michelles Bruder hingegen wird genutzt, um ihre enge Definition von Erfolg aufzuzeigen. Und so ganz nebenbei, ohne dass irgendjemand mit dem Finger darauf zeigen muss, erahnt der Zuseher wie sich das berühmte Ehepaar später gegenseitig verändern würde. Geschickt gewählt ist zudem die überlegene Position von Michelle, die sich zunächst sogar weigert, das Treffen als Date zu bezeichnen.

Diese konstruierte Überlegenheit bleibt im Dialog nicht aufrecht, aber die Gefahr, das “Frau hinter dem starken Mann”-Klischee zu bedienen, wird geschickt umgangen. In ihrer Konversation sind die Protagonisten ebenbürtig, eine intellektuelle Dominanz von Barack wird nie impliziert. Vielmehr deutet Southside with You einen sehr geringen Unterschied zwischen Präsident und First Lady an. Barack sei eben ein talentierter Redner und Michelle, das wird deutlich betont, hat mit der gesellschaftlichen Benachteiligung von Frauen zu kämpfen.

Was ist Amerika?

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Nur an manchen Stellen muss Tanne offensichtliche Abstriche an die Biographien seiner Figuren machen. Das ein oder andere Detail wie beispielsweise die MS-Erkrankung von Michelles Vater wirkt ein bisschen hinein gequetscht. Etwas deplatziert wirkt außerdem eine vermeintliche Schlüsselszene, in der Barack seine alte Gemeinde für eine kleine Motivationsrede betont. Der unreflektierte Pathos – natürlich erklärt er uns was Amerika ist – seines pep talks könnte theoretisch ein netter Hinweis auf die Oberflächlichkeit vieler Polit-Reden sein, wird aber unhinterfragt als toll dargestellt.

Aber wenngleich die Dialoge nur selten an das Before Sunset-Niveau heranreichen, ist Southside with You insgesamt sehr rund und gelungen. Essentiell ist vor allem, dass er auch als Date-Film äußerst gut funktioniert, der ein oder andere Moment ist ganz abgesehen von der Historie einfach zutiefst romantisch. Die guten Leistungen der Schauspieler, die eine echte Chemie vermitteln können, tun ihr übriges.

Fazit (Michael):

Film: My first Lady (engl.: Southside with You)
Rating:

Sehr Gut

Sehr Gut (4 von 5)

Geschickt verwebt Southside with You Biographie mit Date-Film und verspricht einen ebenso romantischen wie intellektuell ansprechenden Kinobesuch.

Anmerkung: Während der Originaltitel Southside with You seine Protagonisten gewissermaßen gleich stellt, ist der deutsche Kinotitel My first Lady denkbar ungeschickt gewählt. Denn dadurch wird der Fokus erst recht wieder auf Barack Obama gelegt.

Michael Verfasst von:

Autor, Editor, Public Relations Michael ist der Arthouse Hipster des Teams, dessen Korrektheit und ruhige Art dafür sorgen, dass die Diskussionen immer fair bleiben und Beleidigungen nur zulässt, wenn sie mit Fakten belegt werden können.

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