L’Animale

Wenn der Bursch eine Frau werden muss.

Wie nennt man ein jugendliches Mädchen, das mit den wildesten Burschen des Dorfes am Moped herum cruist und ihnen beizeiten sogar davon fährt? Richtig, cool natürlich! Kompliziert wird es erst, wenn aus dem vermeintlichen Burschen langsam aber sicher eine Frau werden soll.

Eben dieses Schicksal widerfährt Mati (Sophie Stockinger), der kurz vor der Matura stehenden Hauptfigur im neuen Film von Katharina Mückstein. Zunächst noch sehr lässig und selbstbewusst mit den bösen Buben unterwegs, sieht sie sich schon bald mit den Nachteilen der Biologie konfrontiert. Der beste Freund Sebi (Jack Hofer) will langsam aber sicher mehr als nur ein Kumpel sein, während Mati selbst die etwas ältere Clara (Julia Franz Richter) doch wesentlich interessanter findet. Und weil Mückstein die Nachteile unserer von Geschlechterklischees geprägten Gesellschaft in ihrer Gesamtheit aufzeigen möchte, entpuppt sich Matis Vater (Dominik Warta) als ungeoutet homosexuell.

Oida!

Wird es ihr bald nimmer wurscht sein, was die Burschen von ihr denken? Sophie Stockinger als Mati und Kathrin Resetarits als ihre Mutter Gabi in “L’Animale” – © Polyfilm

Wie schon am Inhalt zu erkennen ist, hat L’ Animale für subtile Symbolik eher wenig über. Homosexualität ist im Kino schließlich kein isoliertes Thema mehr, sondern wurde längst als repräsentatives Element für die quälende Dichotomie unserer Geschlechterkultur enttarnt. Warum man es Mückstein kaum übel nehmen wird, dass sie hier alles andere als neues Territorium betritt, wird dem Zuseher im Prinzip aber schon nach wenigen Minuten klar.

Schon in einer frühen Szene wird Mati von ihrer Mutter (Kathrin Resetarits) in ein Ballkleid gesteckt. Während die Mama gerührt ist, fühlt sich die Tochter mit der Betonung ihrer Weiblichkeit sichtlich unwohl. Die Bemerkung “Wirst sehen, jetzt is dir bald nimmer wurscht, was die Burschen von dir denken” kontert sie mit einem frustrierten “Oida”. Es ist ein entwaffnend authentischer Auftakt für einen Film, der mit feinfühlig gezeichneten Charakteren und gewitzt geschriebenen Dialogen stets über seine an manchen Stellen sehr offensichtliche Symbolik hinauswächst.

Wo will ich hin?

Die widersprüchlichen Ströme innerhalb eines Menschen: Sophie Stockinger als Mati in “L’Animale” – © Polyfilm

Zudem macht L’Animale eine entscheidende Beobachtung, auf die viele artverwandte Filme einer klareren Botschaft zuliebe gerne verzichten. Denn weder Mati, noch ihr Vater oder einer der vielen anderen hadernden Figuren, sind ganz klare Außenseiter der Gesellschaft. Hier gibt es niemanden, der zu 100% ins Schema passt, aber es ist eben auch kein Charakter dabei, der der Welt um ihn herum gar nichts abgewinnen kann. Dass ihre Mutter sie bereits als nächste Chefin der familieneigenen Tierarztpraxis sieht, geht Mati viel zu weit. Andererseits kann auch sie nicht leugnen, dass für den vorgesehenen Beruf ein gewisses Grundinteresse besteht.

Mückstein erforscht eben auch die widersprüchlichen Ströme, die in jedem von uns stecken. Im Sportunterricht bleibt Mati einmal mitten im Raum stehen, während ihre Altersgenossen in entgegengesetzte Richtungen um sie herum laufen. Wo will ich eigentlich hin und warum ist das nicht scheißegal?

Fazit (Michael):

Sehr Gut (4 von 5)

L’Animale zeigt auf, wie das psychologisch komplexe Konstrukt Mensch an den sperrigen Vorstellungen unserer Gesellschaft scheitern kann. Mücksteins Film überzeugt dabei vor allem mit feinfühligen Charakteren, cleveren Dialogen und entwaffnender Authentizität.

 

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