Neun(zehn) Jahre später – Harry Potter and the Cursed Child

Mit dem Theaterstück Harry Potter and the Cursed Child erhält die Harry Potter Reihe eine Semi-Offizielle Fortsetzung. Wir haben für euch eine Gastkritik zum neuesten Potter Abenteuer.

Anmerkung:
Bei einem so beliebten Thema wie Harry Potter will man mit der Analyse nicht sparen. Aus diesem Grund ist die Kritik zwar etwas länger geraten ist, aber wir vertrauen darauf, dass Potter Leser in der Lage sind, längere Texte zu lesen!

Abgesehen vom groben Setup der Geschichte ist diese Kritik spoilerfrei.

Neun Jahre…

„After all this time?“

„Always.“

Als mir klar wurde, dass so viel Zeit vergangen ist, seit ich zum letzten Mal einen neuen Harry Potter-Band in den Händen hielt, musste ich erst einmal amüsiert den Kopf schütteln. Wieso? Weil mich die Geschichte des Auserwählten mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, immer noch in ihrem Bann hält. Zugegeben, dieser Plot klingt generisch genug, um mich in der Gestalt verschiedenster Romane, Filme, Videospiele und Archetypenbeladener Träume über Jahre hinweg beschäftigt zu halten. Aber etwas an dem Zauberlehrling und seinem Todfeind Voldemort, etwas an der Schule Hogwarts und ihrem exzentrischen Leiter Dumbledore und etwas an der Verquickung der magischen Welt und der „Muggel“-Welt, die in Rowlings Werk stattfindet, ist so faszinierend, so aufdringlich in seiner Begeisterungswürdigkeit, dass weder Game of Thrones noch Hunger Games, ja noch nicht einmal Pokémon Go oder gar das echte Leben mich von dieser siebenteiligen Reihe losreißen kann.

Dementsprechend erregt und meines Atems beraubt habe ich am 31. Juli 2016, anlässlich Rowlings und Potters Geburtstag, die sagenumwobene, lange gleichsam erhoffte wie befürchtete und letztlich doch tatsächlich, wenngleich in unüblicher Form erschienene achte Story von einer Buchverkäuferin entgegengenommen. Die Augen der Dame haben gestrahlt und ihr Gesicht hat geglänzt vor Schweiß; ob das daran gelegen hat, dass die Lieferung eben erst erfolgt war und sie wenige Augenblicke zuvor zahllose Kartons geschleppt hatte, oder daran, dass auch sie von der puren Unfassbarkeit dieses Events so ergriffen war wie ich, habe ich nicht herausgefunden. Dafür bin ich Sekunden nach dem Kauf zu beschäftigt damit gewesen, gehend zu lesen, auf Wiens Straßen mein Leben zu riskieren, um ohne lange Umschweife wieder in Rowlings Welt eintauchen zu können.

Harry Potter and the Cursed Child Stageplay. Foto by Manuel Harlan

Harry Potter and the Cursed Child Stageplay. Foto by Manuel Harlan (siehe offizielle Website).

Das wirklich Komische an der ganzen Sache: Deathly Hallows, der siebente und (bis neulich) letzte Band der Reihe, hat mir – ich kann es simpler nicht formulieren – schlichtweg nicht gefallen. Ich kann es überspitzter, aber deshalb nicht weniger wahrheitsgemäß zum Ausdruck bringen: Das einzige, das mich annähernd so niederschmetternd enttäuscht hat wie Rowlings Versuch einer Conclusio, ist das Finale der Fernsehserie Lost.

Dementsprechend vorbelastet und skeptisch bin ich an Harry Potter and the Cursed Child herangetreten. Bevor du, liebe Leserin, lieber Leser, der Vermutung anheimfällst, ich wäre der falsche Autor für ein zumindest ansatzweise objektives Review, muss ich vorab klarstellen: Ich bin genau der Richtige für dieses Unterfangen. Mein (wahrscheinlich untertrieben) geschätztes zwanzigmaliges Lesen der Reihe, das (mit Sicherheit untertrieben als solches bezeichnete) Vergnügen, das ich bis heute während der Beschäftigung mit Rowlings Texten empfinde, und nicht zuletzt meine Reise an einem Sonntagmorgen zu einem der wenigen geöffneten Geschäfte mit dem Ziel, mir den neuen Potter so früh und so schnell wie nur möglich zu Gemüte führen zu können: All das beweist letztlich, dass ich trotz oder gerade in meiner Abneigung gegen Deathly Hallows ein Paradebeispiel für einen bedingungslosen Harry Potter-Fan bin. Und außerdem: Es gibt keine unsinnigeren Kritiken als solche, die sich als „objektiv“ bezeichnen; jede Bewertung und jede Meinung bildet sich vor einem bestimmten Hintergrund. Meinen habe ich hoffentlich soeben zur Genüge dargestellt.

Was also halte ich von Harry Potter and the Cursed Child?

Formales vorweg:

Diese Frage zu beantworten ist aus verschiedenen Gründen schwierig. Der wohl eklatanteste: Das „Buch“ ist kein Buch. Nicht im eigentlichen Sinne. Bei dem, was LeserInnen weltweit zugänglich gemacht worden ist, handelt es sich um eine Art Drehbuch, die bei den Proben für das gleichnamige Theaterstück verwendet worden ist. Damit fallen verschiedene Aspekte weg, die zu üblichen Reviews gehören: Schreibstil, Wortwahl und Sprachkenntnis beispielsweise, aber auch Tempo und Inszenierung, die erst nach dem Genuss des Stücks, in das sich die Pseudoprosa verwandeln soll, authentisch zu beurteilen sind.

Der Vorteil: Von diesen Kategorien abzusehen, bedeutet, sich vollkommen auf Plot und Charakterentwicklung konzentrieren zu können.

Ein anderes Hindernis für eine gerechte Bewertung des Buchs besteht darin, dass Harry Potter-Autorin J. K. Rowling … nun, nicht die Autorin ist. Die Worte entstammen, soweit den Angaben im Druck zu entnehmen ist, vorrangig ihrem Kollegen Jack Thorne („Playwright“ laut Acknowledgements). Von Rowling kommen in erster Linie Idee und Storyline. Eigentlich ist es also nicht angemessen, mit der Erwartung an das Buch heranzutreten, man lese ein neues Rowling-Werk; der hohe Standard, den ich von ihr gewohnt bin (und der letztlich zu meiner Unzufriedenheit mit dem siebenten und offiziell letzten Potter geführt hat), ist bei der Lektüre also grundsätzlich nicht vorauszusetzen.

Andererseits: Rowling hat ihr Seal of Approval auf dem Skript hinterlassen. Und das Missen ihres eleganten, bezaubernden Stils führt meiner Ansicht nach, wie gesagt, sogar zu einem einsichtigeren Eindruck von ihren Story-Elementen, die quasi nackt und unverfälscht, in der zugänglichsten aller Formen transportiert werden: „X passiert“, „A sagt B“, „Y passiert“, „C sagt D“.

Was also geschieht?

Die Prämisse (oder: Rowling mit den Kuhmägen)

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Harry Potter and the Cursed Child Stageplay. Foto by Manuel Harlan (siehe offizielle Website).

Neunzehn Jahre sind vergangen, seit die große Bedrohung durch Lord Voldemort beseitigt worden ist und die magische Welt zu einem neuen Frieden gefunden hat. Es ist September und ein neues Schuljahr an der Hogwarts School of Witchcraft and Wizardry steht an.

Albus Severus Potter, der jüngere Sohn der Familie Potter und neue Hogwarts-Schüler, fürchtet sich davor, wie die Welt der Zauberer und Hexen ihn empfangen wird: Große Erwartungen werden in ihn gesetzt, den Sohn des legendären Boy Who Lived, des Auserwählten, der Voldemort besiegt hat. Seine Vornamen frachten ihm eine zusätzliche Last auf, die seinem älteren Bruder James erspart geblieben ist: Albus verdankt er dem ehemaligen Schulleiter, der Harry im großen Krieg unterstützt und letztlich sein Leben gelassen hat; Severus dem (quasi) unerwarteten Helden, ohne den ein Sieg über Voldemort nicht möglich gewesen wäre. Was Severus the First zu etwas Besonderem in dieser Konstellation macht: Er ist während seiner Zeit in Hogwarts dem Haus Slytherin zugeteilt worden. Und Slytherins haben den Ruf, wie so viele Potter-Alumni – und sogar Leute, die die Bücher nie gelesen haben –  gerne glauben und behaupten, BÖSE zu sein. Deshalb bereitet der Gedanke, er könnte in diesem berüchtigtsten der vier Häuser landen, dem jungen Albus Severus große Sorgen.

Als dann aber Albus im Zug zur Schule Scorpius Malfoy, dem Sohn des ehemaligen Rivalen seines Vaters, begegnet, befinden sie sich augenblicklich auf der gleichen Wellenlänge. Albus‘ Cousine Rose Granger-Weasley ist davon alles andere als begeistert und rät ihm von dieser Freundschaft ab. Aber Albus lässt sich nicht beirren – und es geschieht das (quasi) Unfassbare: Albus Severus Potter landet zusammen mit Scorpius in Slytherin. Dem BÖSEN Haus.

Als Harry Potter damals nach Hogwarts gekommen ist, haben die anderen Schülerinnen und Schüler auf ihn gezeigt und getuschelt, weil er der legendäre Junge ist, der Lord Voldemort als Baby das Handwerk gelegt hat. Über Albus Severus wird ebenso getratscht – aber aus völlig anderen Gründen: Er scheint das genaue Gegenteil seines Vaters zu sein. Wo Harry eine sofortige Begabung für den magischen Sport Quidditch an den Tag gelegt hat, fehlt Albus jeder Hauch von Talent. Harry ist der mutige Gryffindor, der in einem Kampf nach dem anderen gegen die dunklen Mächte  triumphiert; Albus droht selbst den dunklen Mächten zu verfallen – nicht nur, weil er in Slytherin gelandet ist, sondern auch, weil sein bester Freund einer Familie entstammt, die berüchtigt ist für ihre Verwicklung in schwarze Magie. Scorpius‘ Vater Draco ist, ebenso wie dessen Eltern, Anhänger Lord Voldemorts gewesen. Und zu allem Überfluss kursiert das Gerücht, Scorpius sei in Wirklichkeit gar nicht Dracos Sohn – sondern Voldemorts!

Albus‘ ehemalige Angst vor Slytherin verwandelt sich nach und nach in eine rebellische Anerkennung dessen, dass er anders ist als sein Vater. So bröckelt Harrys Beziehung zu seinem Sohn mit jedem Jahr mehr. Und während Harry alles daran setzt, sie wiederherzustellen, hat Albus kein Interesse an einer Versöhnung. Nach und nach glaubt er deutlicher zu sehen, dass sein Vater, der Held der magischen Welt, mehr Fehler in seinem Leben begangen hat, als gemeinhin zugegeben wird.

Und die Geschichte kommt ins Rollen, als Albus sich mit Scorpius aufmacht, um eine Ungerechtigkeit auszugleichen, die sein Vater mitverursacht hat …

Ohne vorwegzunehmen, wie sich das im Konkreten gestaltet, soll an dieser Stelle erwähnt sein, dass die erstaunlichen Abenteuer von Albus und Scorpius denen ihrer Elterngeneration enorm ähnlich sind – bis zu dem Punkt, an dem eine Inhaltsbeschreibung auch lauten könnte: siehe Harry Potter, 1997-2007. Aber das zu schreiben, wäre vielleicht ein bisschen harsch, wenn nicht sogar unfair. Es sind Geschichten dieser Art, wegen welcher wir Fans der Bücher geworden und geblieben sind. Vielmehr noch: Es sind eben genau diese Geschichten.

Womit der springende Punkt erreicht wäre. Obwohl es Spaß macht, die Orte, Kreaturen und Figuren von Rowlings Welt erneut zu besichtigen, wirkt das gesamte Buch so, als sei es ausschließlich darauf ausgelegt. In dieser Funktion eines Schilds mit der Aufschrift „Willkommen zurück!“ ist Cursed Child (als gedruckte Publikation) in weiten Teilen nahezu redundant. Da die sieben Bände trotz ihrer notwendigen (und immer wieder erhofften und ersehnten) Ähnlichkeiten jedes Mal neuartige, abwechslungsreiche Geschichten präsentiert haben, hätte auch ein gelungener achter Teil mehr zu bieten haben müssen als wiedergekäute Handlungsstränge.

Neue (?) Figuren…

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Harry Potter and the Cursed Child Stageplay. Foto by Manuel Harlan (siehe offizielle Website).

Was für die Handlung gilt, trifft aber zum Glück nicht im gleichen Ausmaß auf die Figuren zu.

Zugegeben, Vorzeigeschülerin Rose Granger-Weasley erinnert in gewissen Zügen an Hermione – aber eben nur in gewissen Zügen. Und diese sind mehr als verzeihlich, handelt es sich doch um Tochter und Mutter. Es ist ein großes Vergnügen, Vater Rons Einfluss zu spüren, als Rose ihrem Cousin Albus im Zug nach Hogwarts erklärt, sie müssten früh und schnell die richtigen Freundschaften schließen – und Scorpius, als ein Malfoy, sei garantiert die falsche Wahl. Als eine mit Vorurteilen beladene Hermione wäre Rose eine eigentlich hochinteressante Persönlichkeit. Umso bedauerlicher ist, wie selten sie auftaucht und wie wenig sie zu tun hat. Vergeudetes Potential ist gar kein Ausdruck für diese Figur, die auf den ersten Seiten beinahe allgegenwärtig ist, im Verlauf der Geschichte aber irgendwann schlichtweg nicht mehr zu existieren scheint.

Im Vergleich zu Rose hat tatsächlich ausgerechnet Scorpius Malfoy viel mehr mit Hermione Granger gemeinsam. Es ist nahezu so, als sei Rowling der Meinung, ihre Protagonisten bräuchten notwendigerweise eine Sidekick-Figur, die klüger, belesener und begabter ist als sie. Dass dem Potter diesmal ein Malfoy zur Seite gestellt wird, macht die Sache aber gerade erfrischend genug, um spannend zu sein. Da ist es fast ein bisschen schade, dass Scorpius mit seinem Vater ausschließlich Name und Aussehen teilt. Die andere Figur, an die Scorpius neben Hermione am meisten erinnert, ist eigentlich niemand anderes als deren Ehemann und Harrys anderer bester Freund, Ron: Mit Sprüchen wie „I’ve always regarded the Pepper Imp as the king of the confectionery bag“ entpuppt sich Scorpius schnell als leicht „upgedatete“ Version von Ron. Inwiefern er mit einem solchen Satz einen glaubwürdigen Elfjährigen darstellt, wage ich nicht zu beurteilen.

Was Albus zu Beginn zu etwas Besonderem zu machen scheint, ist, dass er eigentlich nichts Besonderes ist. Mit seinem Vater teilt er nur zweierlei: Die anfängliche Abneigung gegen Slytherin und den Drang, sich zu beweisen. Erstere legt Albus innerhalb seiner ersten Stunden als Hogwarts-Schüler vollständig ab und nicht, wie sein Vater, nach dreißig Jahren (und reichlich halbherzig); allerdings leider nur, weil er offenbar weiß, dass er damit Papa Potter trotzen und sich von ihm abseilen kann. Albus‘ Ehrgeiz stellt ein imposanteres Element der Story dar – er bildet nämlich ihren eigentlichen Angelpunkt. Das Abenteuer in Cursed Child kommt nicht zustande, weil Albus (wie Harry damals) kopfüber in eine ungewünschte, abenteuerliche Rolle gestoßen wird. Albus sehnt sich danach, in seinem eigenen Heldentum seinen Vater zu übertreffen, und wird so zu einer Art von Hauptfigur, die Harry ursprünglich gar nicht hat sein können. Natürlich teilt Albus letztlich (zumindest ausschnitthaft) auch Harrys Saving-People-Thing der handlungstreibende Faktor der originalen Buchreihe; aber im Gegensatz zu diesem externalisierten Bedürfnis stellt Albus‘ absichtliches Eingreifen in die Geschehnisse gleichzeitig eine interessante Parallele und ein bemerkenswertes Abweichen von dem Verhalten seines Vorgängerprotagonisten dar.

Figuren zum Neuverlieben

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Harry Potter and the Cursed Child Stageplay. Foto by Manuel Harlan (siehe offizielle Website).

Was die alten Lieblinge angeht, die jetzt in die Quests ihrer Kinder verstrickt werden, so muss ich gestehen: Außer Perplexität und dezente Langeweile haben sie nicht viel in mir hinterlassen. Harry und Hermione haben hohe Positionen im Ministry of Magic inne und Ron hat den Scherzartikelladen seiner Brüder übernommen. Abgesehen davon, dass diese Details den Fans bereits durch Interviews mit Rowling und Informationen, die Rowling online veröffentlicht hat, bekannt gewesen sind, ist es ein bisschen schade, dass die Rückkehr zu diesen Menschen aus Tinte und Papier keinen tieferen Einblick in ihr Erwachsenenleben erlaubt.

Über Harry erfahren wir, dass er kein Fan von Paperwork ist, weil er ja out there ist und keine Zettelwirtschaft braucht, die ihm beschreibt, was out there (die Formulierung benutzt er tatsächlich zweimal im gleichen Gespräch) passiert. Auf die Berichte und Meinungen anderer, vermutlich erfahrenerer, klügerer Hexen und Zauberer verzichtet Mr Potter also nach wie vor bewusst. Harry hat immer noch mit seiner Vergangenheit zu kämpfen, was sich auf die Beziehung zu seinem Sohn Albus auswirkt. Die Schuld für seine teilweise recht mangelhaften Fähigkeiten als Elternteil scheint er weitestgehend auf sein Großwerden bei den unliebsamen Dursleys zu schieben. Aber keine Sorge, Harry ist einsichtiger geworden: Um uns zu zeigen, dass auch er Fehler hat und sich dessen bewusst ist, erzählt er uns später im Text, dass er Angst vor Dunkelheit hat …

Ob uns dieses „mutige Geständnis“ wohl beeindrucken soll? Da bleibt von meiner Seite nur zu sagen: Salazar Slytherin sei’s gedankt, dass Albus der (Anti-)Held dieser Geschichte anstelle von Harry ist.

Die meisten Neuigkeiten, die wir über Hermione erfahren, werden dadurch übermittelt, dass wir sie nicht explizit erfahren. Anders als früher spricht sie nicht bei jeder Gelegenheit von S.P.E.W., der von ihr gegründeten Wohltätigkeitsorganisation für Hauselfen, was hoffentlich bedeutet, dass sie erfolgreich in ihren Bemühungen um Elfenrechte gewesen ist. Mit ihren Kindern interagiert sie kaum, was vermuten lässt, dass die Eltern-Nachwuchs-Beziehung hier weit weniger spannend ist als bei den Potters. Das sind also grundsätzlich gute Nachrichten. Interessant ist hingegen, was wir über Umwege der magischen Art über Mrs Granger-Weasley herausfinden: Rowling scheint in diesem neuen Werk alles daran zu setzen, ihre in den Medien breitgetretene Aussage, nach welcher Rons und Hermiones Eheleben auf etwas wackeligen Beinen steht, zu revidieren. Mehr möchte ich dazu gar nicht verraten – außer, dass es relativ kitschig, nahezu seifenopernhaft zugeht. Und dass ich, als alteingesessener Feind der Ron/Hermione-Beziehung, mich wieder einmal habe fragen müssen, ob Rowling vielleicht andere Harry Potter-Bücher im Kopf hat als die, die ich gelesen habe.

Was Ron angeht, so wird seine Comic Relief-Funktion in Cursed Child auf nie dagewesen Spitzen getrieben. Er scheint ein lieber Onkel zu sein, der seinen Neffen und seiner Nichte Scherzartikel schenkt. Schön. Moving on.

Whodunnit?

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Harry Potter and the Cursed Child Stageplay. Foto by Manuel Harlan (siehe offizielle Website).

Während ich in Philosopher’s Stone noch wie alle anderen den schwarzgekleideten, fetthaarigen, gemeinen Professor Snape ohne Anflug eines Zweifels für den Bösewicht hielt, war ich bei Chamber of Secrets schon ein bisschen umsichtiger (und lag mit meiner Verdächtigung – Percy Weasley – natürlich trotzdem daneben); in Prisoner of Azkaban war der Twist zu brillant, als dass ich ihn hätte kommen sehen können, während ich in Goblet of Fire mit meinem Tipp auf Ludo Bagman zumindest begriff, dass der Übeltäter jemand ist, der Harry vorgeblich zu helfen versucht. Im Anschluss, so scheint es nachträglich betrachtet, war bei Rowling wohl die Luft raus: Order of the Phoenix gibt kein wirkliches „Wer hat’s getan?“-Rätsel auf, wobei die in Ansätzen vorhandenen Kriminalfälle (Dementoren in Little Whinging und Voldemorts Quelle im Orden des Phönix) in den Schuldigen Umbridge und Kreacher wenig berauschende Auflösungen finden. Half-Blood Prince bietet, indem Harry in Draco Malfoy ausnahmsweise einmal den Richtigen verdächtigt, eine letzte nette Überraschung, bevor Deathly Hallows jeder verwechselten oder vertuschten Identität, jedes Verrats und jeder Bemühung um Unvorhersehbarkeit entbehrt. Bis vor wenigen Tagen hätte ich noch gesagt, all das entsprach eben Rowlings Plan, der wohl leider nicht so perfide war, wie ich es immer gehofft und vermutet hatte.

Seit Cursed Child befürchte ich, dass Rowlings Talent für Detektivgeschichten ganz einfach doch nicht so übermenschlich ist, wie es in den ersten drei Potter-Romanen zu sein schien.

Dass sie sich im Mystery-Genre prinzipiell immer noch sehr gut zurechtfindet, wissen wir aus ihren tatsächlichen Detektivgeschichten. Unter dem Pseudonym Robert Galbraith beglückte Rowling die Literaturwelt letztes Jahr mit ihrem mittlerweile dritten Krimi. Alle drei sind, wenig überraschend, in Charakterzeichnung und Enthüllung der TäterInnen recht Potter-esque ausgefallen. Das bestärkt mich aber nur in der Vermutung, dass die Planung der Handlung von Cursed Child eher halbherzig erfolgt ist: Zum einen fällt die Aufdeckung der schuldigen Partei in dem Mysterium, das den Kern der Geschichte ausmacht, alles andere als verblüffend aus. Zum anderen ist das Problem besagtes Mysterium selbst. Die große Frage, die es in Cursed Child zu beantworten gilt, ist: Hat Lord Voldemort ein Kind? Und wenn ja, wer ist es? Die schockierten gasps und die entsetzten Gesichter Harrys, Rons und Hermiones, Wangenklatschen inklusive, imaginiere man sich bitte hinzu. Ebenso wie die aussichtslosen Plagiatsvorwürfe der Massen an Fanfiction-AutorInnen, die sich in den letzten Jahren an dem gleichen Thema versucht haben.

All was quite alright, considering

Harry Potter Cursed Child 2

Harry Potter and the Cursed Child Stageplay. Foto by Manuel Harlan (siehe offizielle Website).

Die bestverkaufte Buchreihe des späten zwanzigsten, frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts weiterführen zu wollen, ist vielleicht gewagt. Und vielleicht ist es unnötig. Vielleicht wird damit nur riskiert, etwas Großartiges länger hinauszuzögern, als ihm gut tut. Und, seien wir ehrlich: vielleicht ist es ein wenig in die Hose gegangen.

Aber wenigstens – und das möchte ich betonen – wenigstens ist es … auch etwas, das man tun kann mit seiner Zeit und seinem Geld, und zwar gar nichts Schlechtes. Die Harry Potter-Reihe am Leben zu erhalten, ist prinzipiell eine gute Idee, denn sie hat realweltlich, moralisch (mit Abstrichen, aber das ist ein Thema für einen anderen Tag) und schriftstellerisch Großes geleistet: Die Welt von Harry ist eine, die unzählige Kinder zum Lesen bewegt hat; die zumindest versucht, ihren BesucherInnen beizubringen, dass Liebe, Freundschaft und Hoffnung die größten und bedeutungsvollsten Werte sind, über die wir Angehörigen der Spezies Homo sapiens in unserem Kreuchen und Kraxeln über diesen Planeten verfügen; die auf einmalige Art und Weise die Genres Fantasy, Krimi und Bildungsroman kombiniert und uns damit eine Fülle an originellen, überraschenden Wendungen beschert hat. Natürlich, so möchte ich fast sagen, sollte Rowlings Universum ausgedehnt, ihre Geschichte fortgesetzt werden.

Wie genau sie fortgesetzt wird, ist – und das ist der ehrliche Eindruck, den ich nach dem Lesen von Cursed Child und der Auseinandersetzung mit Kritiken und Verkaufszahlen gewonnen habe – letztlich vollkommen egal … Und zwar sowohl den LeserInnen als auch den ProduzentInnen. (Von den AutorInnen – inklusive, so fürchte ich, J. K. Rowling – ganz zu schweigen.)

Dementsprechend ist die Geschichte von Harry Potter and the Cursed Child – nun … eine Geschichte. „Eh“, wie man in Österreich so schön sagt. Die Figuren haben … alle halt einen Charakter (oder mehrere, wenn ihre üblichen Züge abgewandelt werden müssen, um die Geschichte voranzutreiben). Und die Handlung hat, nicht zuletzt wegen der vielen Rückblicke, mehr als genug – nämlich viel zu viel – mit den altbekannten Harry Potter-Handlungen gemeinsam.

Hätte sich jemand eine kreativere, originellere, überraschendere, liebevollere Fortsetzung ausdenken können? Mit Sicherheit, traue ich mich zu behaupten. Hätte es schlimmer werden können? Höchstwahrscheinlich. So sehr ich mich um eine dezidiertere Meinung bemühe, Tatsache ist, ich kann keine brauchbareren Antworten auf diese Fragen geben. Ich weiß aus meiner ganz eigenen Erfahrung, dass langlebige Harry Potter-Fans sich in ihre altbekannte Welt gerne und schnell einfinden, dort wohlfühlen und sie mit einem Lächeln auf den Lippen und vielleicht sogar ein paar Tränen in den Augen wieder verlassen werden. Was die Geschichte tatsächlich zu Rowlings Werk beitragen soll, ist mir allerdings nicht ersichtlich. Wenn es darum geht, uns Fans wissen zu lassen, dass Harry, Ron und Hermione erfolgreich und glücklich sind und trotzdem immer noch spannende Abenteuer erleben, „Thank Dumbledore“ (ein etwas irritierendes Zitat aus Cursed Child, nebenbei), dann bin ich mir nicht sicher, ob es diese Information wert ist, dafür solchen Aufwand zu betreiben. Wenn Rowling ihre eigene Harry Potter-Fanfiction schreiben und alternative Versionen ihrer Story erkunden will, dann bin ich noch weniger überzeugt davon, ob ein Theaterstück mit zusätzlich verkauftem Skript das richtige Format für dieses Unterfangen ist.

Und wenn mich jemand fragt, ob es sich lohnt, das Buch zu erwerben, wenn ihr oder sein Interesse an den originalen sieben Bänden nur begrenzt ausgefallen ist, ist meine Antwort ein klares und aufrichtiges Nein.

Die Sache ist natürlich die: Das Stück müsste man gesehen haben. Der Text liest sich durchaus so, als könnte er ein wundervolles Schauspiel ergeben, ein sehenswertes, ästhetisch hochwertiges Theater. Solange ich mir diese Bertie Bott’s Bean nicht gegönnt habe, wage ich es nicht, ein endgültiges Urteil abzugeben.

Fazit (Thomas)

Was das Buch angeht, so verleihe ich Harry Potter and the Cursed Child drei von sieben Quidditch-Spielern. Zwei haben aufgegeben und das Stadion verlassen, einer ist von einem Bludger verletzt worden und der Seeker hält anderswo nach dem Snitch Ausschau. Leider ist die verbliebene Mannschaft aber auch nur da, weil der Keeper auf seine Ringe aufpassen muss und die Beaters zu viel Spaß haben, um großartig darüber nachzudenken, was sie tun.

Über den Autor

Thomas Kodnar ist Autor, Philosophie- und Biologiestudent, Pokémon-Trainer und Vegetarier. Er schreibt und liest bevorzugt Fantasy und Horror. Zu seinen Publikationen zählen die Kurzgeschichten „Sauball“ (in Handschlag, Agrar Verlag 2015) und „Turm“ (in beautiful losers, Verein Alltag Verlag 2015).

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