Joy

Nach drei aufeinanderfolgenden Best Picture-Nominierungen bekommt David O. Russell von den Kritikern eine heftige Breitseite. Mehr als eine Trotzreaktion dürfte dies aber kaum sein, denn das Niveau von Joy ist vergleichbar mit jenem der Vorgänger.

Wer einmal self-wringing Miracle Mop in die Suchmaschine wirft und als Resultat Bilder eines sehr bekannten Putzutensils geliefert bekommt, kann erahnen, dass der Erfinder des selbsternannten Wundergeräts Reichtum erlangt hat. Noch Anfang der 90er Jahre ist die geschiedene, zweifache Mutter Joy Mangano (Jennifer Lawrence) von einem Geldsegen allerdings denkbar weit entfernt.

Storytelling im Zickzack-Muster

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David O. Russell interpretiert die wahre Geschichte als amerikanische Living Your Dream-Story mit leicht feministischen Touch, ohne eine der beiden Facetten besonders originell oder mit viel Tiefgang zu betrachten. Gleichwohl vertraut der von der Academy verehrte Regisseur auf seine klassischen Stärken, nämlich starkes Schauspiel und solides Storytelling.

Zumindest bei Letzterem wird eine leichte Abwandlung angeboten, die emotionale Kurve von Joy könnte demnach als Zickzack interpretiert werden. Verglichen zu anderen Verfilmungen ähnlicher Geschichten gibt es kein klassisches Muster der Marke “von ganz unten bis nach ganz oben”. Die Ausgangssituation von Joy ist freilich ein wenig bescheiden, es vergehen aber nur wenige Minuten, ehe der erste Hoffnungsschimmer präsentiert wird. Die bahnbrechende Idee zum Wischmop wird auch nicht als große Erlösung inszeniert, vielmehr führt sie zu einem Wechselbad der Gefühle.

Distanzierter Blick

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Ideales Beispiel dafür ist Joys Bemühen, ihr Produkt auf dem Dauer-Werbesender von Neil Walker (Bradley Cooper) präsentieren zu dürfen. Sie möchte ihr Produkt vorstellen, wird aber abgelehnt; Alles ist schlecht -> Sie erzwingt ein zweites Hearing, kann Neil Walker überzeugen; Alles ist gut -> Der Wischmop wird im Fernsehen präsentiert, bringt aber keinen Erfolg; Alles ist schlecht -> Joy setzt durch, dass sie ihr Produkt selbst im Fernsehen präsentieren darf, der Erfolg ist gigantisch; Alles ist gut. Selbst nach diesem vermeintlichen Durchbruch bleibt Joy ein bewusstes Auf und Ab, das einerseits die Emotion reduziert, andererseits einen objektiveren, unterhaltenderen Zugang zulässt.

Dass große Gefühle eben ausbleiben, ist vielmehr eine bewusste Entscheidung als ein Scheitern der Erzählung. Joy wagt einen distanzierten, vielleicht sogar etwas kritischen, aber immer respektvollen Blick auf die amerikanische Mittelstandsfamilie, die sich vor allem selbst im Weg steht. Nicht zufällig wird Bradley Coopers “gemachten Mann” jene Erwähnung eines Nachnamens zuteil, der der Familie Mangano weitestgehend untersagt wird. Erfolg wird hier deutlich als erreichbar definiert, der Schlüssel dazu ist die Neudefinition des eigenen Selbstbildes.

Kritiker-Hangover?

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Genau jene Einstellung wird auch auf die Rolle der Frau umgemünzt, die im Weltbild des Regisseurs eben auch alle Möglichkeiten hat, sofern sie sich selbst als starke Persönlichkeit wahrnimmt. Diese Vereinfachung der hochkomplizierten Opfer-Problematik des modernen Feminismus ist eine Schattenseite der optimistischen Ansichten dieses Films.

Von David O. Russell eine tiefergehende Erforschung der Thematik zu verlangen, ist natürlich legitim, sie zu erwarten grenzt allerdings an Naivität. Entsprechend wirken die harschen Rezensionen auf sein neuestes Werk wie der Hangover nach einer durchzechten Nacht. Selbst als großer und überzeugter Fan von Silver Linings Playbook ist für mich eine Regel klar: Die Qualität eines O. Russell-Films ist so hoch wie sein Unterhaltungswert. Ich hatte bei Joy eine richtig gute Zeit.

Moviequation:

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Fazit (Michael):

Film: Joy
Rating:
User3.Leitner.Rating4.Great.Frei.Small
Sehr Gut (4 / 5)

Erwartungsgemäß verzichtet David O. Russell in Joy auf thematischen Tiefgang, beweist aber einmal mehr sein Talent zu unterhaltendem Storytelling, das zudem mit einem interessantem Rhythmus aufgepeppt wird.

 

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