Tricky Women 2019

Das Tricky Women Festival richtet 2019 seinen Blick auf China. Das Programm zeigt einen Querschnitt durch die unabhängige, chinesische Animationsszene, von traditionell-inspirierter Tuscheanimation zu dystopischen, CGI-generierten Weltuntergangsfantasien.

Gastbeitrag von Julia Ritter

Während das Let’s Cee Festival dieses Jahr ausfallen musste – die Stadt Wien und das Bundeskanzleramt strichen die Förderungen – fand das Animationsfestival unter dem neuen Namen Tricky Women/Tricky Realities auch 2019 wieder statt. Im Fokus stand dieses Jahr China.

Das Programm des Tricky Women Festivals 2019 zeigt deutlich: unabhängige, chinesische Animation ist vielfältig, mutig und polarisierend. In verschiedenen Tracks widmet sich das Festival, neben Wettbewerbsprogrammen und österreichischen Produktionen, chinesischen Animationsfilmen von klassisch bis experimentell.


CIAO CIAO, Jiayin Chen, CN 2016

Im Q&A zum Track „Beyond Animation“ sagt die Filmemacherin Hailu Chen, sie sei gerührt und dankbar, ihren Film zeigen zu können, denn in China gäbe es für unabhängige Animation wenig Platz. Und obwohl chinesische Animation im Ausland anerkannt und ausgezeichnet wird, verirren sich nur wenige der gezeigten Arbeiten in die Kinosäle anderer Länder. Dabei hat Animation aus China vieles zu bieten, denn im Spannungsfeld zwischen Tradition und Innovation entstehen faszinierende Arbeiten. Diese Gratwanderung sei aber auch eine große Herausforderung, sagt Chen. Wie können die großen Meisterwerke und klassischen Techniken der chinesischen Kunst gewürdigt und trotzdem weiterentwickelt werden?

Tradition hier…

Chen bezieht sich in ihrem Film Peach Blossom Fish selbst auf die traditionelle chinesische Tuschemalerei. Bei dieser Technik spielt der gekonnte Einsatz von Wasser und Tinte eine große Rolle. Verdünnt auf bis zu fünf Abstufungen von hellgrau bis schwarz, wird die Tinte meistens verwendet um traditionelle Motive wie Fische, Bambusrohre und mystische Landschaften darzustellen. Ähnliche Motive finden sich auch in Chens Film: Kraniche fliegen durch eine neblige Berglandschaft, eine Pfirsichblüte schwimmt auf der weißen Wasseroberflächen eines Sees. Aus dem See wird im nächsten Moment ein Himmel, in den ein Schwarm Vögel fliegt. Leere Flächen spielen auch in der chinesische Malerei eine wichtige Rolle, erklärt Jin Yu, Filmemacherin und Professorin der China Academy of Art. Einmal Wasser, einmal Nebel, einmal Himmel, geben sie den Zuschauern und Zuschauerinnen die Möglichkeit, die Leerstellen mir ihrer eigenen Fantasie zu füllen. 

Birds Dream, Mi Chai, CN 2014

Peach Blossom Fish, der von der unmöglichen Liebe zwischen einem Fisch und einem Eichhörnchen handelt, bedient sich auch traditioneller chinesischer Symboliken und Themen. Der Fisch wird zum Beispiel mit der Pfirsichblüte gleichgesetzt, die in China ein Symbol für schöne, junge Frauen ist, erklärt die Regisseurin. Sie hätten es leicht, in China zu materiellem Reichtum zu gelangen, würden sich dabei aber oft selbst verlieren. In Peach Blossom Fish befreit sich die Pfirsichblüte allerdings aus ihrer unmöglichen Liebe und findet zu sich selbst – das Eichhörnchen lässt sie schließlich ziehen. Weibliche Emanzipation auf Chinesisch eben.

… Innovation dort

Im Gegensatz zur zarten Ästhetik von Peach Blossom Fish, zeigen andere Filme des Programms „Beyond Animation“ schrille und dystopische Bilder. Bei It is My Fault flackern neonfarbene CGI-Welten zu Technomusik über die Leinwand – Epilepsiewarnung inklusive. Birds Dream, eine Vogelapokalypse, an der Hitchcock seine Freude gehabt hätte, stellt einen spannenden Kontrast zwischen grellen, geometrischen Flächen und naturalistischen Vogelzeichnungen her. In Chasing werden in einer dystopischen Stadt Arbeiter ausgebeutet, gleichgeschaltete Kinder marschieren zu Marschmusik und Leichenberge werden zum Bau eines morbiden Vergnügungsparks genutzt. Da bleibt einem schon mal die Luft weg.

Chinesische Animation, so zeigt uns das Tricky Women Festival 2019, bleibt also nicht stehen. Sie schöpft aus dem Dialog mit ihren Traditionen, scheut sich aber dennoch nicht, sozialkritisch und polarisierend zu sein. Wem am Ende eines einstündigen Kurzfilmprogramms möglicherweise nicht alles gefallen hat, hat zumindest interessante Themen, Techniken und Ästhetiken kennengelernt. Einen Blick zu riskieren, ist es allemal wert.

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Julia Ritter Verfasst von:

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